Das Judentum kennt zwei große Phasen der Verschriftlichung. Beide stehen in einem bemerkenswerten Zusammenhang mit der Zerstörung des Tempels. Nach der Zerstörung des ersten Tempels und der Erfahrung des babylonischen Exils gewann die Tora eine neue und zentrale Bedeutung. Der Text wurde zum ortsunabhängigen Bezugspunkt jüdischer Religion. Diese Entwicklung wurde mit der Errichtung des zweiten Tempels nicht wieder rückgängig gemacht wurde. Tempel und Tora bestanden nun nebeneinander: Der Kult hatte wieder seinen Ort, aber der Text hatte seine einmal gewonnene Zentralität behalten.
Nach der Zerstörung des zweiten Tempels im Jahr 70 n. Chr. wiederholte sich dieser Vorgang auf einer anderen Ebene. Jetzt war die Tora längst gegeben. Verschriftlicht wurde zunehmend ihre Auslegung und ihre Anwendung auf das religiöse und alltägliche Leben. In Mischna und Talmud wurde eine Welt bewahrt, die teilweise bereits untergegangen war. Das gilt besonders für den Tempelkult, für Opfer- und Reinheitsvorschriften, aber auch für zahlreiche Ordnungen eines jüdischen Lebens, das unter den Bedingungen von Diaspora und Fremdherrschaft nicht mehr ohne Weiteres geführt werden konnte.
Mischna und Talmud sind deshalb mehr als ein Archiv. Sie konservieren verlorene religiöse Lebensformen nicht nur als Erinnerung, sondern halten sie in einem Zustand möglicher Gegenwart. Was nicht mehr praktiziert werden kann, kann weiterhin studiert, diskutiert und normativ durchdacht werden. Und was über Jahrhunderte nur noch Gegenstand des Studiums war, kann unter veränderten historischen Bedingungen wieder praktische Bedeutung gewinnen. Der Text besitzt damit eine eigentümliche Fähigkeit: Aus ihm kann Vergangenheit gewissermaßen wieder zurück ins Leben gelesen werden.
Gerade in streng halachisch orientierten Formen des heutigen Judentums lässt sich dieses Phänomen beobachten. Spätantike Texte werden dort nicht lediglich als historische Dokumente gelesen. Sie können vielmehr ganz unmittelbar gegenwärtiges Handeln bestimmen. Zugleich können Vorschriften, deren ursprüngliche Lebenswelt längst verschwunden ist, durch das Studium präsent gehalten und unter neuen Bedingungen erneut aktualisiert werden.
Vielleicht liegt hierin eine der bemerkenswertesten Leistungen der rabbinischen Schriftkultur. Die beiden Tempelzerstörungen führten nicht einfach dazu, dass Kult durch Bücher ersetzt wurde. Vielmehr entstanden zwei Stufen der Textualisierung: Nach der ersten Zerstörung wurde mit der Tora die religiöse Überlieferung in besonderer Weise ortsunabhängig; nach der zweiten wurden mit Mischna und Talmud auch ihre Auslegung und ihre praktische Entfaltung über Zeit und Raum hinweg verfügbar.
Der Text wird damit zum kulturellen Gedächtnis. Aber er bewahrt nicht nur, was gewesen ist. Er hält Vergangenes verfügbar. Das Judentum hat auf diese Weise eine bemerkenswerte Technik entwickelt, historische Verluste zu überdauern: Was aus der Welt verschwunden ist, kann im Text weiterleben – und aus dem Text unter Umständen wieder in die Welt zurückkehren.