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Sonntag, 12. Februar 2017

Open Access Zeitschriften als “Dinosaurier“

Gemeinhin gelten OA-Journals als Publikationsweg der Zukunft. Dies nicht nur, weil Autoren selbst einen freien und einfachen Zugang zu Inhalten schätzen, sondern auch, weil in Zeiten von Social Media frei zugängliche Inhalte perfekt ausgetauscht und diskutiert werden können. #Open_Science

Soweit die Theorie.

Tatsächlich fristen OA-Zeitschriften in vielen Bereich immer noch ein Schattendasein. Entgegen aller Begeisterung für die neuen Möglichkeiten des Internet und der digitalen Information bleiben Autoren den klassischen Zeitschriftenformaten treu.

Woran mag das liegen?

Meist unterstellt man Bequemlichkeit auf Seiten der Autoren. Vielleicht liegt der ganzen Annahme aber ein Denkfehler zugrunde. Denn unausgesprochen wird hier vorausgesetzt, dass in dem durch das Internet ausgelösten Medienwandel der wissenschaftliche Fachaufsatz als Publikationsform unangefochten weiter bestehen wird. 

Diese Annahme könnte falsch sein.

Vielleicht ist das Desinteresse an OA-Zeitschriften nämlich gar nicht so sehr damit zu begründen, dass man dem Netz nicht traut oder diffuse Vorbehalte gegenüber digitalen Formaten hat, sondern schlicht und einfach damit, dass Aufsätze in der wissenschaftlichen Nutzung des Internet eine eher geringe Bedeutung haben und in der digitalen Welt Aufmerksamkeit und Reputationsgewinn auf ganz anderem Weg als durch die frei zugängliche Fachpublikation erreicht werden.

Man denke nur an Blogs, Tweets etc. Und tweeten kann man ja auch über Paid-Content …

In dieser Perspektive ist die Zukunft der traditionellen Verlagszeitschrift gar nicht die Open-Access-Zeitschrift, sondern ganz einfach “keine Zeitschrift”. Vielleicht sind wir auf dem Weg in eine Post-Article-Ära, so wie die klassischen Zeitschriften in nicht wenigen Disziplinen die Post-Book-Ära eingeläutet haben.

Das sind nur Vermutungen. Aber es könnte lohnend sein, die künftige Entwicklung einmal von diesem Standpunkt aus zu betrachten und den geringen “Erfolg” von Open-Access-Journals auch und gerade im Kontext von Open Science etwas differenzierter zu bewerten.

Samstag, 11. Februar 2017

Harvard, Open Access und die Zukunft der Zeitschriften

In einem sehr lesenswerten Interview in der FAZ äußert sich Robert Darnton, Direktor der Universitätsbibliothek Harvard, zu Open Access und dem künftigen Miteinander von Buch und Internet.

„Die Internet-Offensive von Harvard: Wir wollen unseren geistigen Reichtum teilen“
Link.

Die jüngste Offensive in Harvard im Bereich Open Access hat zwar ihren Hintergrund in den hohen Zeitschriftenpreisen, doch im Kern geht es um mehr:

„Wir wollen nicht die Zeitschriftenpreise unter Druck setzen, wir wollen die Natur des Kommunikationssystems in der Welt des Lernens verändern.“

Zu der Befürchtung, Zeitschriften könnten durch eine künftige weitgehend freie Publikation der Harvard-Professoren im Internet eingehen, merkt Darnton an:

„Nur, weil in einer ... Zeitschrift womöglich alle fünf Jahre mal ein Artikel eines Harvard-Professors erscheint, wird niemand sein Abo kündigen. Es besteht da kein Grund zur Panik.“

Sehr interessant ist Darntons Meinung, was eine gute Zeitschrift auszeichnet:

„Zeitschriften bieten einfach einen sehr bequemen Weg, von Experten, die intelligente Rezensionen schreiben können, einen Überblick über die jüngste Forschungsliteratur zu bekommen und Verbindung zu einer über die ganze Welt verstreuten Gelehrtengemeinschaft aufzunehmen.“

Im Umkehrschluss heißt es aber auch: Plumpe Artikelsammelhefte haben keine Zukunft mehr. Die Artikel gibt's im Netz und den Überblick im Journal. Das wäre was!

Schließlich wird Darnton noch zur Zukunft des Buches befragt. Diese sieht er ganz entspannt.

Die Entscheidung in Harvard, mehr open access zu publizieren, ist richtig. Denn was nur in gedruckten oder gegen teures Geld zugänglichen Zeitschriften steht, wird immer weniger wahrgenommen. 

Hier noch ein schönes Zitat:
„‘I haven’t opened up a law review in years‘, said Chief Judge Dennis G. Jacobs of the federal appeals court in New York. ‚No one speaks of them. No one relies on them.‘“, aus: Brown, J. Robert Robert, „Blogs, Law School Rankings, and the Race to the Bottom“ (July 26, 2007). U Denver Legal Studies Research Paper No. 07-33 Available at SSRN: http://ssrn.com/abstract=1003425

Abgesang einer juristischen Zeitschrift

Dieter Simon schreibt im 20. Band des von ihm gegründeten und herausgegebenen „Rechtshistorischen Journals“ über die Gründe, dieses Zeitschrift einzustellen. 

Bemerkenswert - wir schreiben das Jahr 2001(!) - ist diese Aussage:
„Es [das Journal] müßte vollständig erneuert werden, beginnend mit einer Internationalisierung durch eine englische Parallelversion, durch eine Internet-Praeprint[sic!]-Fassung und durch zwei- bis dreimalige Lieferungen pro Jahr.“ S. 6.

Dieter Simon, RJ 20, in: RJ 20 (2001), S. [1]-7.
Das RJ ist übrigens vollständig als Nationallizenz verfügbar.

Und hier die Kontrastfolie aus dem Jahr 2007:

„Juristen schreiben nicht auf Englisch. Juristen veröffentlichen keine discussion papers. Juristen stellen ihre Text nicht im Internet zu Verfügung. Juristische Aufsätze sind nicht peer reviewed. ...“

Aus: Engel/Schön (Hrsg), Das Proprium der Rechtswissenschaft, Tübingen 2007 (Recht - Wissenschaft - Theorie ; 1).