Posts mit dem Label Bibliothekar werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Bibliothekar werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Mittwoch, 11. Juni 2025

Zwischen Daten und Deutung: Der gelehrte Bibliothekar und die digitale Transformation

Kaum ein Berufsbild hat in den letzten hundert Jahren derart unter permanentem Legitimationsdruck gestanden wie das des wissenschaftlichen Bibliothekars. Man hat ihn zum Verwalter erklärt, zur Dienstleistungskraft, zum "Informationsspezialisten", gelegentlich auch – mit einem Hauch von Widerwillen – zum Wissenschaftler. In diesem Deutungswirrwarr ist ein Typus fast vergessen worden, der das Selbstverständnis des Bibliothekars über Jahrhunderte geprägt hat: der Gelehrte. Gerade heute aber, in einer Zeit der algorithmischen Ordnung und digitalen Entkörperlichung, könnte ausgerechnet diese vermeintlich anachronistische Figur zur Antwort auf die Gegenwartsfragen werden. Nicht als nostalgische Reminiszenz, sondern als zukunftsoffene Wiederentdeckung eines alten Ideals: Bibliothekar sein als gelehrte Praxis. 

Der Gegensatz: Verwaltung oder Wissenschaft?

Die klassische Kontroverse über das Berufsbild des wissenschaftlichen Bibliothekars folgte lange einem binären Muster: Ist dieser Mensch vor allem ein Verwaltungsfachmann – ein Systemtechniker des Wissens, ein Regelbefolger, ein Ordnungsarchitekt? Oder ist er im Gegenteil ein Wissenschaftler, eingebunden in den akademischen Diskurs, produktiv forschend, dem Universitätsprofessor nicht unähnlich? Beides hat seine institutionellen Begründungen, aber beides lässt etwas Entscheidendes vermissen.

Denn was in dieser Diskussion unter den Tisch fällt, ist jene dritte, historisch gewachsene und kulturell tief verwurzelte Möglichkeit, die in keiner Verwaltungsvorschrift und keinem wissenschaftlichen Drittmittelantrag ganz aufgeht: der Bibliothekar als Gelehrter. Nicht als Wissenschaftler im heutigen Sinne, sondern als jemand, der über Bildung verfügt, weil er liest, weil er schreibt, weil er weiß, was Sprache vermag, und was Literatur meint. Diese Figur ist älter als die Universität, älter als die Bürokratie – sie geht zurück auf die Humanisten des 15. und 16. Jahrhunderts, auf jene gelehrten Bücherfreunde, die Bibliotheken nicht verwalteten, sondern lebten. 

Die Philologie als geistige Grundlage

Zentral für dieses Verständnis ist die Rückbindung des Bibliothekars an die Philologie – verstanden nicht im engen Sinne der klassischen Altertumswissenschaft, sondern in jenem umfassenden Sinn, den sie bei den großen Humanisten hatte: als Liebe zum Text, als Aufmerksamkeit für Sprache, als sorgfältige Praxis der Interpretation. Der gelehrte Bibliothekar liest nicht mechanisch, sondern er liest als Philologe: langsam, kritisch, kontextbewusst.

Diese philologische Haltung ist keine bloße Spezialistenkunst, sondern eine Kulturtechnik. Sie bedeutet, dass Texte nicht bloß Informationsträger sind, sondern Bedeutungsgestalten, die verstanden, nicht nur entschlüsselt werden wollen. Der gelehrte Bibliothekar besitzt die Fähigkeit, zwischen den Zeilen zu lesen – und zwischen den Zeiten. Denn ein Buch spricht nicht nur durch seinen Inhalt, sondern durch seine Form, seine Sprache, seine Edition, seinen Standort im Regal. All das erschließt sich nicht durch Metadaten, sondern durch gelehrten Umgang.

Und zu dieser Philologie gehört notwendig auch das Schreiben. Nicht das wissenschaftliche Publizieren um jeden Preis, sondern das Schreiben als Vermittlungspraxis: der Essay, die Annotation, der Katalogtext, die Ausstellungserläuterung, der bibliographische Kommentar. Der gelehrte Bibliothekar schreibt, weil er verstanden hat – und er schreibt, um verstanden zu werden. In seinem Schreiben manifestiert sich die Bildung, die nicht bloß akkumuliertes Wissen ist, sondern gelebte Weltbeziehung. 

Die humane Anstalt: Paul Raabes Vermächtnis

Kaum jemand hat dieses Ideal in der jüngeren Vergangenheit so klar und nachhaltig formuliert wie Paul Raabe, jener große Bibliotheksdirektor und Intellektuelle, der die Herzog-August-Bibliothek in Wolfenbüttel zu einem Ort des Denkens und nicht nur der Bestandsverwaltung gemacht hat. Für Raabe war die Bibliothek nicht nur ein Ort der Aufbewahrung, sondern eine humane Anstalt. Diese Formel ist mehr als eine Metapher – sie ist eine institutionelle Vision.

Die humane Anstalt ist kein Servicecenter, keine rein funktionale Einrichtung, sondern ein geistiger Raum, in dem Bücher, Menschen und Ideen miteinander in Beziehung treten. Sie lebt von der Präsenz des Geistes, nicht nur von der Zugänglichkeit der Medien. Und diese geistige Präsenz verkörpert der gelehrte Bibliothekar: nicht als Herrscher über das Wissen, sondern als dessen Vermittler. Nicht als Spezialist für Technik oder Administration, sondern als jemand, der in der Lage ist, kulturelle Tiefe zu erschließen – und anderen dabei zu helfen, es ihm gleichzutun.

Raabe war davon überzeugt, dass die Bibliothek nur dann lebendig bleibt, wenn in ihr nicht bloß gearbeitet, sondern gedacht, gesprochen, gelesen und geschrieben wird. In dieser Tradition ist der gelehrte Bibliothekar kein Fremdkörper, sondern das eigentliche Herz der Institution. 

Die Herausforderung der digitalen Transformation

All das wäre schön, aber folgenlos, wenn es bloß um historische Rückbesinnung ginge. Doch der gelehrte Bibliothekar ist gerade heute von höchster Aktualität. Denn die digitale Transformation stellt die Bibliothek nicht nur technisch, sondern anthropologisch in Frage. Wenn Kataloge zu Interfaces, Bücher zu Datenobjekten, Recherche zu Klicksequenzen und Benutzer zu "Nutzern" werden, dann droht der Verlust dessen, was Raabe als Geist der Bibliothek bezeichnete.

Die Digitalisierung verspricht Effizienz, Zugänglichkeit, Verfügbarkeit. Was sie nicht von sich aus liefert, ist Sinn. Algorithmen können Vorschläge machen, aber keine Fragen stellen. Sie erkennen Muster, aber keine Motive. Sie kombinieren Daten, aber sie verstehen keine Argumente. Und sie wissen nichts von Ironie, Ambivalenz oder Metaphern.

Hier nun wird der gelehrte Bibliothekar zum notwendigen Gegenbild – nicht im Sinne des Technikverweigerers, sondern des kritischen Humanisten. Er kann mit digitalen Werkzeugen umgehen, aber er weiß, dass das Entscheidende nicht in der Toolkompetenz liegt, sondern in der Urteilsfähigkeit. Er ist derjenige, der die semantische Tiefe hinter der syntaktischen Oberfläche bewahrt, der Begriffe klärt, Kontexte aufzeigt, Unterschiede kennt – kurz: der nicht nur weiß, wie man etwas findet, sondern warum es sich zu finden lohnt. 

Die Bibliothek als Ort der Bildung – nicht nur der Information

In dieser Perspektive ist die Bibliothek mehr als ein Dienstleistungsort – sie ist ein Bildungsraum. Und Bildung ist nicht dasselbe wie Information. Bildung geschieht durch Lektüre, durch Gespräch, durch Nachdenken – durch die Praktiken, in denen sich der gelehrte Bibliothekar auszeichnet. Er steht nicht zwischen den Menschen und den Büchern, sondern mitten unter ihnen. Er zeigt nicht bloß, wo etwas steht – er hilft zu verstehen, was da steht. Und was es bedeutet.

Der gelehrte Bibliothekar ist damit weder ein besserer Verwaltungsfachmann noch ein gescheiterter Wissenschaftler. Er ist ein Dritter: ein gebildeter, sprechender, schreibender Mensch, der in der Tradition der Philologie steht und zugleich die Herausforderungen der Gegenwart annimmt. Er ist der lebendige Beweis dafür, dass auch im digitalen Zeitalter Bildung nicht nur über Interfaces, sondern über Menschen vermittelt wird.

Fazit: Der gelehrte Bibliothekar ist kein Anachronismus, sondern ein kultureller Zukunftsentwurf

Was heute aussieht wie eine Rückkehr zu alten Idealen, ist in Wahrheit ein Fortschritt zu einem neuen Selbstverständnis. Der gelehrte Bibliothekar ist die notwendige Ergänzung zur digitalen Bibliothek. Er bringt Tiefe in die Breite, Kontext ins Chaos, Bedeutung in die Menge. Und er erinnert uns daran, dass eine humane Anstalt nicht durch Technik entsteht, sondern durch Geist.

Vielleicht wird die Zukunft der Bibliotheken digital sein – aber wenn sie nicht auch gelehrt ist, dann wird sie nicht human sein. Und ohne das, wäre sie nicht einmal mehr Bibliothek.

Dienstag, 10. Juni 2025

Der wissenschaftliche Bibliothekar als Dienstleister?!

In ihren Beitrag "Das Berufsbild wissenschaftlicher Bibliothekarinnen und Bibliothekare im Wandel" in der Festschrift für Petra Hauke (Strategien für die Bibliothek als Ort, 2017) stellen Marianne Ingold und Ulrike Scholle die beruflichen Perspekiven des wissenschaftlichen Bibliothekars vor. Der Gelehrte als Bibliothekar kommt dabei gar nicht mehr in den Blick und wird bloß noch unter der Frage nach einer "wissenschaftlichen" Tätigkeit gesehen. Dabei ist eine gelehrte Praxis nicht unbedingt mit einer wissenschaftlichen Tätigkeit gleichzusetzen.

Das nun sagen die Autorinnen:

Der Beruf der wissenschaftlichen Bibliothekarin und des wissenschaftlichen Bibliothekars befindet sich in einem starken Wandel, was sich in einem beachtlichen Spektrum von Tätigkeiten wie Forschung und Entwicklung, Bestandsmanagement oder der Entwicklung neuer E-Services zeigt. Ein Berufsbild beschreibt die Elemente eines Berufs wie Vorbildung, Ausbildung, Tätigkeiten, Aufstiegs- und Verdienstmöglichkeiten und dient der Abgrenzung sowie der Selbstvergewisserung der Berufstätigen. In Deutschland werden diese Berufe in der Klassifikation der Berufe der Bundesagentur für Arbeit als „hoch komplexe Tätigkeiten“ oder „Führungskräfte“ in den „Medien-, Dokumentations- und Informationsdiensten“ eingeordnet. Ihre Aufgaben umfassen sowohl fachwissenschaftliche als auch organisatorische Bereiche, einschliesslich Fachreferate, Managementaufgaben sowie die Entwicklung neuer Konzepte und Dienstleistungen.

Die Veränderungen im Berufsbild sind wesentlich durch äussere, wirtschaftlich-soziale und technische Umbrüche, insbesondere durch Internet und Digitalisierung, getrieben, die neue Qualifikationen und Serviceentwicklungen erfordern. In Deutschland haben sich die Zugangswege diversifiziert, mit etablierten Bachelor- und Masterstudiengängen, wobei eine nicht-konsekutive Studienfolge mit universitärer Fachstudien- und bibliothekarischer Zusatzausbildung die Regel bildet. Für die Schweiz ist „Wissenschaftliche/r Bibliothekar/in“ keine offizielle oder geschützte Berufsbezeichnung; der Zugang erfolgt üblicherweise über ein Hochschulstudium mit universitärem Masterabschluss oder Promotion, kombiniert mit einem postgradualen Master of Advanced Studies (MAS) in Archiv-, Bibliotheks- und Informationswissenschaften. Es gibt verschiedene MAS-Studiengänge mit unterschiedlichen inhaltlichen Schwerpunkten und Voraussetzungen, die den ehemaligen „Kurs für Wissenschaftliche Bibliothekare“ ablösten.

Im Gegensatz zu Deutschland, wo es eine intensive Debatte zwischen wissenschaftlicher Tätigkeit und Verwaltungsaufgaben gab, herrscht in der Schweiz eine pragmatische Einstellung zur eigenen wissenschaftlichen Betätigung. Das überarbeitete Schweizer Berufsbild von 2013, basierend auf dem realen Tätigkeitsspektrum, gliedert die Aufgaben in die Felder Wissenschaft und Forschung, Management und Leitung, Technologie und Innovation sowie Projekte und Spezialaufgaben. Eine deutliche Weiterentwicklung hin zum „Dienstleistungsbibliothekar“ und eine starke Kundenorientierung sind erkennbar. Das Schweizer Berufsbild von 2013 definiert wissenschaftliche Bibliothekarinnen und Bibliothekare als Personen mit abgeschlossenem Hochschulstudium und vorzugsweise einer bibliothekarischen Zusatzausbildung, bleibt aber hinsichtlich der IT-Kompetenz zurückhaltend.

Die Berufsbezeichnung selbst steht zur Debatte, und es ist unklar, ob „Wissenschaftliche/r Bibliothekar/in“ in Zukunft Bestand haben wird. Entscheidend für die Zukunft des Berufs ist jedoch die Erbringung relevanter Dienstleistungen für die Zielgruppen in der Wissenschaft und ein wertvoller Beitrag zur Informationsgesellschaft.

Donnerstag, 2. Dezember 2021

Die Bibliothek als wissenschaftliche Anstalt

"Für mich ist die Bibliothek in ihrem Wesen eine wissenschaftliche Anstalt, ein Ort des Forschens unter den Büchern, eine humane Einrichtung also, der es um den Menschen geht. Eine Bibliothek ist nach meinem Verständnis mehr als ein Institut, das Bücher verleiht und den Bibliothekar oft zu einem Knecht seiner Benutzer macht. Vielmehr soll er sich aktiv an der wissenschaftlichen Nutzung beteiligen. Er ist sein erster Benutzer, so hochmütig das klingen mag. Er kennt schließlich seine Bücherbestände am besten, oder sollte sie jedenfalls kennen. Nur so kann er dem einzelnen Wissenschaftler Anregungen vermitteln und seiner Fachdisziplin sogar Impulse geben."

Paul Raabe, Bibliosibirsk oder Mitten in Deutschland - Jahre in Wolfenbüttel, Zürich 1992, S. 135 f.

Nach 30 Jahren immer noch aktuell. Heute reden wir von forschungsnahen Dienstleistungen. Glaubwürdig können solche Dienstleistungen nur forschungsnahe Bibliotheksmenschen entwickeln. 

Sonntag, 12. Februar 2017

Insolvenz und Nische: Leitbild Bibliothekar 2035

Reden wir Klartext: Das Leitbild des Bibliothekars für die nächsten 20 Jahre ist das eines klugen Insolvenzverwalters. Es kommt darauf an, dass wir uns mit Anstand vom Acker machen und das Gute aus der alten Bücherwelt in die neuen digitalen Medienräume einbringen.

Dort werden auch, ganz so wie bei einer erfolgreichen Insolvenz, bei der gesunde Unternehmsteile gewinnbringend veräußert werden können, die tragfähigen Angebote und Stärken unserer Institution weiterexistieren.

Darüberhinaus gehende Visionen aber sind antiquarische Spielereien, Folgen zu langer Rotweinabende oder - bestenfalls - “special interest”-Angebote, mit einem Wort: Nische.

Bibliothek - Wissenschaft - Politik

In der FAZ vom 4. Februar 2015 (Nr. 29, S. N3) wird Rolf Griebel wie folgt zitiert:

“In der Zeit, in der meine Vorgänger wissenschaftlich gearbeitet haben, war ich im Landtag”

Fachreferat und Wikipedia

Wissenschaftliche Bibliothekare in den Fachreferaten sind vielbeschäftigt. Neben dem normalen Erwerbungsgeschäft und verschiedenen Aktivitäten im Bereich der Informationskompetenz sind es nicht wenige Projekte, die viel Zeit binden. Ob sich diese Projekte, vor allem dann, wenn sie Themen verpflichtet sind, die gerade “auf der Tagesordnung stehen”, in der Rückschau tatsächlich als sinnvoll erweisen werden, darüber will ich nicht spekulieren. Ich habe dazu freilich eine Meinung …

Wenn es aber stimmt, dass ein Fachreferent in den Fächern, die er betreut, nicht ganz unorientiert ist, so stellt sich die Frage, ob dieses Wissen, das immerhin mit öffentlichen Geldern honoriert wird, nicht auch der Öffentlichkeit zugute kommen sollte. Es stellt sich also diese Frage: 

Warum sollten Fachreferenten nicht regelmäßig und mit bestem Gewissen dienstlich an der Verbesserung der Wikipedia arbeiten?

Hier bietet sich ein reiches Feld. Gute Neuerscheinungen, die ja auf unseren Tischen landen, könnten wir ohne großen Aufwand als Literatur in einem einschlägigen Artikel nachtragen. Fehler, die einem auffallen, könnten berichtigt werden. Freie Ressourcen, besonders solche, die aus der eigenen Einrichtung stammen, könnten nachgetragen werden, usw. usw.

Die Pflege des öffentlichen Wissens” wäre also bestimmt kein unpassendes Betätigungsfeld für öffentliche bezahlte “WIssensarbeiter”  …

Historische Medienkompetenz im Fachreferat

Wenn über ein modernes Berufsbild im Fachreferat diskutiert wird, bleibt ein Thema mit Sicherheit ausgeblendet, nämlich Buch- und Bibliotheksgeschichte.

Ich halte das für grundfalsch, ja sogar gefährlich.

In dem tiefgreifenden Medienwandel, den wir gerade durchlaufen, bietet historische Medienkompetenz ein unentbehrliches Orientierungswissen. Das Fachreferat ist die Stelle in einer Universität, wo dieses Wissen mit einigem Recht erwartet werden darf.

Aus der Praxis kann ich sagen, dass ausnahmslos alle tiefer gehenden Geapräche mit Wissenschaftlern und Studierenden mehr oder weniger von Fragen des Medienwandels handeln. Wenn man hier mehr als langweilige Allgemeinplätzchen anbieten will, sollte das Zusammenspiel von Medien, Institutionen und Rezeption in seinen historischen Bezügen kennen.

Wer stattdessen im Fachreferat nur noch neue Digitaltechnik anpreist oder lustige Tools erklärt, ist auf dem besten Weg zum Callcenter-Service zu mutieren - mit allen auch besoldungsrechtlichen Konsequenzen.

Ich bin der festen Überzeugung, dass allein der reflektierte, also auch der medienhistorisch und medienwissenschaftlich gebildete Bibliothekar eine sichere Zukunft im Fachreferat hat. Alles andere ist Hotline.

Dass historische Medienkompetenz als Konsequenz dieser Sicht in der Ausbildung einen angemessenen Platz verdient, muss nicht eigens betont werden. Genauso sollte klar sein, dass Bibliothekswissenschaft keine spezielle anwendungsbezogene praktische Informatik oder Betriebswirtschaftslehre ist, sondern eine institutionenbezogene Kultur- und Verwaltungswissenschaft.

Mit den lustigen Nullen und Einsen befasst sich übrigens im Schwerpunkt die Informationswissenschaft. Dass sie die Bibliothekswissenschaft gut ergänzt, ist natürlich selbstverständlich. Ergänzen meint aber nicht ersetzen.

Disclaimer: Nein. Ich bin nicht reaktionär und Papierbuchfetischist. Dann hätte ich einen typischen Fachaufsatz und keinen Blogpost geschrieben. :)

Warum Informationskompetenz vielleicht kein so gutes Thema für Bibliothekare ist ...

Nur ein Wahnsinniger würde bestreiten, dass Bibliotheken zentrale Einrichtungen für die Vermittlung von Informations- und Medienkompetenz sind. Auch ich will das nicht tun. ABER: Ich möchte doch sehr deutliche Zweifel anmelden, ob Bibliothekare bei diesem Thema die richtigen Akteure sind.

Ich würde nämlich sagen, dass Bibliothekare wunderbare Bibliotheken betreiben, Werkzeuge bereitstelllen und vieles mehr tun, damit die Nutzer eine Bibliothek nutzen können. Aber WIE sie das kompetent tun, davon hat der Bibliothekar eigentlich nicht so viel Ahung. Es sei denn, er nutzt seine Werkzeuge selbst, recherchiert selbst intensiv in seinen Katalogen, nutzt seine Datenbanken und so weiter. Mit einem Wort: Wenn er selbst wissenschaftlich oder fachlich abreitet, dann, aber auch nur dann, ist er ein sehr kompetenter Ansprechpartner in Sachen Informationskompetenz. In allen anderen Fällen kennt er bestenfalls die Bedienungsanleitungen. Das kommt meist nicht so gut an. Die Nutzer wissen das. Und die Bibliothekare im Grunde auch, nur sagt das keiner.

Ich will das nicht groß und breit theoretisch begründen, sondern einen kleinen Vergleich ziehen: Reden wir vom Essen und zwar von richtig gutem Essen, Sterne-Küche. Eine gut geführte Bibliothek kann in der wuseligen Internet-Informationsgesellschaft durchaus mit einem Gourmet-Restaurant verglichen werden.

Dann wären die Bibliothekare wohl die Köche. Und die Nutzer die Gäste. Klar. 

Aber: Schreiben Köche eigentlich Restaurantführer? Nein, sie schreiben vielleicht gute Kochbücher, aber keine Gourmetführer. Das tun ganz andere Leute. Leute, die sich mit der richtigen Komposition verschiedener Gerichte, mit der Auswahl von Begleitweinen und dergleichen mehr sehr gut auskennen. Leute, die wissen, an welchen Tagen und bei welchem Wetter man eher zur indischen und wann man zur westfälischen Küche tendieren sollte. Die Erfahrung des Gourmets macht die Qualität des Restaurantführers aus. Der Koch, der immer nur in seiner eigenen Küche steht, kann sie in dieser Form gar nicht haben.

Lustigerweise meinen aber die Köche Bibliothekare, auch die Restaurantführer schreiben zu können …

Langer Rede kurzer Sinn: Die besten Vermittler von Informationskompetenz sind die Informationspraktiker in den einzelnen Fächern. Sie brauchen natürlich eine Bibliothek und die Arbeit der Bibliothekare, so wie der Gourmet den Koch mit seiner Küche nicht entbehren kann. Aber wenn es angerichtet ist, dann sollte der Koch besser bei seinen Töpfen bleiben. Im Lokal wirkt er nur aufdringlich, deplaziert oder will Komplimente fischen. 
An den Tischen beleben sich die Gespräche erst wieder, wenn er in der Küche verschwunden ist. Schließlich möchte man noch einen guten Nachtisch haben!

Samstag, 11. Februar 2017

Wissenschaftlich arbeitende Bibliothekare

Wissenschaftlich arbeitende Bibliothekare werden beargwöhnt. Es ist daher angebracht, einige Bemerkungen zu diesem Thema zu machen.

Die kreative Verschränkung von Wissenschaft und Bibliothek, ihre gegenseitige Befruchtung waren für das berufliche Selbstverständnis von wissenschaftlichen Bibliothekaren schon immer von Bedeutung. In diesem Sinne ist die Kultivierung eines eigenen wissenschaftlichen Profils auch jenseits genuin bibliothekarischer Fragestellungen nicht als Flucht vor der bibliothekarischen Verwaltungsroutine zu verstehen. Und sie ist schon gar keine neurotisch verliebte Trauerarbeit angesichts einer aus welchen Gründen auch immer nicht eingeschlagenen akademischen Laufbahn im engeren Sinn.

In der eigenen wissenschaftlichen Arbeit zeigt sich vielmehr das Bemühen, die Bibliothek und ihre Dienstleistungen aus Nutzersicht wahrzunehmen. Wer selbst publiziert und recherchiert, kann das Informationsangebot einer Bibliothek realisitisch und praxiserprobt einschätzen und kann so für die Nutzer zu einem anerkannten Gesprächspartner auf Augenhöhe werden. Das ist Dienstleistungsorientierung im besten Sinn.