Aus der Frühzeit des Internet gibt es eine interessante Aussage in BT-Drs. 13/5197 vom 27. Juni 1996. Es handelt sich um einen Antrag der SPD-Fraktion mit dem Titel "Deutschlands demokratischer Weg in die Informationsgesellschaft".
Es geht in dem Antrag u.a. um die flächendeckende Versorgung mit Online-Diensten. Bibliotheken sollten dabei ein große Rolle spielen. Derartige Überlegungen sind gegenwärtig, wo das mobile Internet zu günstigen Konditionen Wirklichkeit wird, vielleicht nicht mehr so nötig.
Spannend ist aber diese Aussage:
"Besondere Bedeutung kommt künftig auch den Bibliotheken zu. Zusammen mit den Hochschulen muß es zu ihren Aufgaben gehören, die 'informationelle Kontinuität' in der Gesellschaft zu gewährleisten. Ansonsten könnte sich die Informationsgesellschaft - angesichts der Flüchtigkeit elektronischer Informationen und rascher technischer Veränderungen - als eine Gesellschaft von 'informationellen Informationsinseln' im Strom der Zeit erweisen, die untereinander nicht mitteilungsfähig sind."
In der Debatte zum Deutschen Nationalbibliotheksgesetz und den erweitertern Sammelauftrag der Nationalbiliothek für Netzpublikationen wurde diese Drucksache wörtlich zitiert, vgl. PlPr. 16/11, S. 775.
Bibliotheken sollen auch im digitalen Zeitalter das Gedächtnis der Informationsgesellschaft sein. Interessant ist, dass auch den Hochschulen hier eine gesellschaftliche Aufgabe zugedacht wird. Das entspricht leider nicht dem gegenwärtigen Mainstream im Hochschulrecht, der eher nach Abschottung und Abstoßen nicht streng hochschulbezogener Aufgaben aussieht.
In einer Broschüre eines BWL-nahen Verlages findet sich ein Interview mit einem “Consultant” zum Thema Digitalisierung. Hier die jeweils ersten Sätze seiner Antworten:
“Das Internet ist heute in den Unternehmen angekommen.”
Wow!!! Heute!
“Innovationen und Ideen zu teilen, war für erfolgreiche Mittelständler noch nie ein Fremdwort.”
Innovationen und Ideen SIND Fremdworte! … siehe Duden.
“Eine Führungskraft braucht keine spezifischen IT-Kenntnisse.”
Spezielle Kenntnisse sind nie gut. Klar.
“Das Internet verändert den Raum, in dem wirtschaftliches Handeln passiert, die Art und Weise wie Kunden denken und wie ihre Wünsche entstehen.”
Die gute alte Raum-Metapher. Cyper-Space und Surfen ist aber so 90er … irgendwie …
“Es ist wichtig, sich bewusst zu sein, dass der digitale Wandel alle Branchen und Geschäftsbereiche betrifft.”
Das richtige Bewusstsein … Hilfreich. Gewiss.
Fazit: Wer dafür Geld ausgibt, kann es auch zum Astrologen tragen. Das ist wenigstens lustig.
Der kulturelle Reichtum des Internet ist parasitär. Er beruht zu einem Großteil auf der medialen Stabilität und generationenübergreifenden Sammlung materieller, besonders gedruckter Erinnerungsträger, die jetzt in digitaler Form zugänglich gemacht werden.
Ob das Internet selbst mit eigenen Inhalten einen solchen Reichtum künftigen Generationen wird weitergeben können, ist eine mehr als offene Frage, die leider viel zu wenig Aufmerksamkeit erfährt.
Dass aber die entschiedenen Freunde des Digitalen nicht selten eine manchmal sogar aggressive Verachtung des Analogen und seiner Sammlung und Pflege zum Ausdruck bringen, wird man vor diesem Hintergrund nur mit sehr großem Wohlwollen als etwas uninformiert bezeichnen können.
Genauso naiv und unmöglich aber ist eine Position, die angesichts der Fragilität des Digitalen in einem vermeintlich sicheren Hafen analoger Medien ihre Zuflucht nehmen will.
Deprimierend ist bei alledem, dass über eine angemessene Ökologie des kulturellen Erinnerns im digitalen Zeitalter nachzudenken, im Getöse lustvoll erzählter Dystopien buchaffiner Maschinenstürmer und apokalyptischer Untergangsvisionen der Gutenbergalaxis, mit denen sich einige Digitaleuphoriker interessant machen, als esoterische Spielerei weltfremder Theoretiker gilt.
Bleibt zu hoffen, dass bald die Zeit einer entspannten Postdigitalität anbricht, in der man nicht mehr in jedem update einen Messias erwartet oder einen Weltbrand imaginiert, sondern die Dinge und die Daten ganz einfach als das nimmt, was sie sind, nämlich gleichberechtigte Ausdrucksformen kultureller Inhalte mit je eigenen Stärken und einem je eigenen Recht auf Dauer, Sammlung, Bewahrung und Pflege.
„Die Werke werden zu einer Art von Allgegenwärtigkeit gelangen. Auf unseren Anruf hin werden sie überall und zu jeder Zeit gehorsam gegenwärtig sein oder sich neu herstellen. Sie werden nicht mehr nur in sich selber da sein - sie alle werden dort sein, wo ein Jemand ist und ein geeignetes Gerät hat.“
Paul Valéry, Die Eroberung der Allgegenwärtigkeit, in: ders., Über Kunst : Essays, Frankfurt am Main 1973, S. 47. Der Text „La conquête de l'ubiquité“ ist 1928 zum ersten Mal erschienen.