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Sonntag, 12. Februar 2017

Die Subversion der Bibliothek

In einem Buch, das sich als poltische Streitschrift eines konservativen Journalisten gegen die sich etablierenden Linken der 68er Bewegung und deren “kollektivistische” Ideen versteht, heute freilich nur noch zeitgeschichtlich oder für wertkonservative Antiliberale von Interesse ist, findet sich eine schöne Beschreibung der Subversivität von Bibliotheken:

“Sozialistische Revolution ist Kulturrevolution. Die Antwort auf sie liegt im Gebrauch der geistigen Freiheit. Die Bibliothek geht in die Katakombe. Sie ist allerdings nur ein vorsorglich zu bereitender Ort des Rückzuges, nicht eine Oase weltabgewandter Bequemlichkeit.” S. 191

Die Nutzung der Bibliothek wird als eine Art militanter Aktion imaginiert:

“Wir sprachen auch, vielleicht um einen Grad zu dunkel gestimmt, von der Bibliothek in der Katakombe. Der Fall der Bilder deutet darauf hin, daß die Auseinandersetzung um das geistige Programm des Menschen geht und mit Mitteln des Geistes ausgefochten werden muss. Dafür gilt es sich zu rüsten. Was kommt, ist ein schwieriger und gefährlicher Waffengang. An … der Heiligung und Verbrennung von Texten … ist da abzusehen.” S. 215

Und das Studium erscheint als “Kampf”:

“Der Mann mit dem Buch ist militant … Der Studienbereich der groß, man braucht den Fleiß der Revolutionäre, um ihn zu bewältigen. Der Geist einer Sache steckt in den Details. S. 216 f.

Natürlich muss man die Sache des Gegeners kennen:

“Da die radikalen Linken geschwätzig sind, haben sie eine ganze Bibliothek von Revolutionsliteratur verlegt und vertrieben. Die Schriften sind von großer Wichtigkeit.” S. 217

Der Autor gibt am Ende seines Werkes eine Liste mit einschlägiger Literatur (S. 227-230), die man kennen sollte, wohl auch, damit man dazugehört:

“Der Mann mit dem Buch gehört zu einer Elite.” S. 218

Quelle: Herbert Kremp: Am Ufer des Rubikon : eine politische Anthologie, Stuttgart 1973.

Samstag, 11. Februar 2017

Buch und Internet - eine zehn Jahre alte Studie von PwC

Eine sehr interessante Studie zum Thema Lesen und Bücher hat die Unternehmensberatung PricewaterhouseCoopers (PwC) veröffentlicht.

Haben Bücher eine Zukunft? : Repräsentativstudie zum Leseverhalten der Deutschen, Frankfurt 2007
Volltext

Besondere Beachtung verdient der Zusammenhang von Internet und Bücherlesen:

„Bemerkenswert ist, dass das Internet nicht direkt mit dem Buch konkurriert. Wer häufig online ist, muss kein ‚Büchermuffel‘ sein. Und diejenigen, die das Internet meiden, tun dies in der Regel nicht etwa, um sich einem guten Buch zuzuwenden. Vielmehr gibt es einen engen Zusammenhang zwischen starker Internetnutzung und verstärktem Bücherkauf und verstärkter Buchlektüre. ... Es handelt sich also beim Internet eher um eine ergänzende parallele als eine verdrängende Nutzung, was sich letztlich über eine vermittelnde Variable erklärt, die das ganze überlagert und den Zusammenhang herstellt: Bildung.“ (S. 14)

Gerade beim Thema hybrides Publizieren wird immer gefürchtet, der Online-Text verdränge das Buch. Für die intensive Lektüre von Viellesern (im Wissenschaftsbereich die Regel) scheint dies aber nicht zu stimmen. Nach der Studie von PcW lesen nur 2 % der Vielleser lieber am PC als in Büchern, S. 32.

Das Verschwinden der Bücher

Zur Zeit ist es gerade modisch, (mal wieder) das Verschwinden des Buches zu bejammern. Schuld ist natürlich das Internet.

Ich habe meine Zweifel, ob Bücher tatsächlich verschwinden werden. Für eine bestimmte Art von Lektüre, wird es sie noch sehr lange geben, nämlich für die literarische Lektüre.

Andere Formen werden sicher verschwinden, weil es für manche Inhalte sinnvoller ist, sie in Netzen zu verbreiten als in gedruckten Büchern. Verzeichnisse, Ratgeber, Lexika, Wörterbücher, etc. Sobald hier das Netz mehr Komfort bietet, dürfte für diese Inhalte die Zeit der Buchform abgelaufen sein. In manchen Fällen war sie ohnehin nur zweite Wahl und immer ein wenig unpassend. Man denke nur an Fahrpläne.

Das bedeutet, dass das Medium künftig mehr inhaltsbezogen ausgewählt wird, als das früher der Fall war. Im Vor-Internet-Zeitalter gab es zum Printmedium keine brauchbare Alternative. Daher seine breite Verwendung für alles und jedes.

Heute gibt es diese Alternative und wird zum Verschwinden bestimmter Literaturgattungen führen. Nicht mehr und nicht weniger.

Die Literatur als Kernbereich des Buchwesens wird hiervon nur am Rande berührt werden. Der Status des Buches als Leitmedium scheint mir hier nicht bedroht.

Es scheint so, dass die Bücherwelt sich mittelfristig transformieren, dass sie literarischer und intellektueller wird. Aber verschwinden, das wird sie nicht. 

(Der Beitrag wurde ursprünglich am 17. März 2009 auf meinem damaligen Blog "Skriptorium" veröffentlicht.)

Walter Benjamin 1928 über die Antiquiertheit des Buches

„Und schon heute ist das Buch, wie es die aktuelle wissenschaftliche Publikationsweise lehrt, eine veraltete Vermittlung zwischen zwei verschiedenen Kartothekssystemen. Denn alles Wesentliche findet sich im Zettelkasten des Forschers, der's verfaßte, und der Gelehrte, der darin studiert, assimiliert es seiner eigenen Kartothek.“

Aus: Walter Benjamin, Einbahnstraße (1928), in: Gesammelte Schriften VI/1, S. 103. 

Hirschi und Spoerhase zur Zukunft des geisteswissenschaftlichen Buches

In einem lesenswerten Beitrag in Heft Nr. 788 der Zeitschrift Merkur machen sich Caspar Hirschi und Carlos Spoerhase Gedanken über die Zukunft des geisteswissenschaftlichen Buches. Entgegen landläufiger Annahmen sehen sie hier weder in der Aufweichung des Urheberrechts, weder bei Amazon oder in der Buchpiraterie ein nennenswertes Problem. Die Bedrohung kommt vielmehr aus dem Verlagswesen selbst.

Hier sind an erster Stelle die exorbitant gestiegenen Preise für wissenschaftliche Zeitschriften zu nennen, die dazu geführt haben, dass Bibliotheken als wichtige Käufergruppe weggebrochen sind. 

Auch der private Buchkauf ist stark rückläufig, was u.a. daran liegt, dass zu wenig auf lesbare Qualität geachtet wird. Im Gegensatz zu früheren Zeiten bricht geistewissenschaftlichen Büchern daher das Publikum weg. Manche Verlage reagieren darauf, dass sie vermehrt Handbücher und Einführungen publizieren, Werke, die überdies gerne von Bibliotheken gekauft werden, was bei ohnehin bestenfalls stagnierenden Buchetats die Krise des klassischen geisteswissenschaftlichen Buches nur noch verschärft.

Interessant ist auch die Kritik am goldenen Weg von Open Access, bei dem die Gefahr gesehen wird, dass das für die Literaturversorgung zur Verfügung stehende Geld nun zwar nicht mehr für Abonnements, jetzt aber in vergleichbarer Höhe für die Publikation von Zeitschriftenbeiträgen ausgegeben wird. Die kritische Lage bei den Büchern wird sich so nicht entspannen, vielleicht sogar - als unbedachter Kollateralschaden - noch verstärken.

Generell problematisch finden die Autoren die mit Druckkostenzuschüssen subventionierte Publikationskultur, die zu Veröffentlichungen ohne Rücksicht auf die Leser führt. Wissenschaftliches Publizieren nähert sich so der vanity press an.

Im Ergebnis plädieren beide Autoren für weniger Bücher höherer Qualität.

Nach der Lektüre des Beitrages bleibt ein gewisses Gefühl der Unzufriedenheit. Denn die Autoren lassen sich zu wenig auf den gerade stattfindenden medialen Wandel ein. Es ist überhaupt nicht ausgemacht, dass das Format der umfangreichen geisteswissenschaftlichen Monographie den zunehmend auch in den Geisteswissenschaften digital arbeitenden Menschen auf die Dauer gleich wichtig sein wird.

Es kann durchaus sein, dass kleinere Formate wie Blogs und kurze Arbeitspapiere eine halbherzige Buchpublikation, der sicher auch Hirschi und Spoerhase keine Träne nachweinen werden, ersetzen kann. Sehr ernsthaft nachdenken sollte man auch über die Dissertation, die in nicht wenigen Fällen nur eine umständlich verpackte und aufgeblähte These ist. 100 Seiten, originell und gut und elektronisch, können auch reichen. Dafür sollte man lieber bei der Habilitation die große Monographie verbindlich fordern. Hier besteht nämlich im Gegensatz zum Promotionswesen die begründete Hoffnung auf weniger Bücher in höherer Qualität.

Ein weiterer Punkt, der Vertiefung verdient, ist die Anschaffungspolitik der Bibliotheken, die immer mehr auf leichte und nutzerfreundliche Kost (Handbücher, Einführungen) setzen. Hier könnte man fragen, ob es nicht gerade Aufgabe der Fachreferenten vor allem in den Geisteswissenschaften sein sollte, aktuelle Debatten aufmerksam zu verfolgen und einen intellektuell anregenden Bestandsaufbau zu pflegen. Langfristig könnte das für die Leser besser sein, als die Zeit in irgendwelchen pseudo-aktuellen Projekten zu verplempern.

Auch wenn hier der Aufsatz von Hirschi und Spoerhase vielleicht etwas zu wenig visionär ist, in einem Punkt verdient er 100%ige Zustimmung: Das Urheberrecht ist NICHT das Problem, dient es doch vor allem dazu, die für das geisteswissenschaftliche Buch verheerende Geschäftspolitik einiger weniger Großverlage abzusichern. Dass sich gerade kleine Mittelständler, erkläre Liebhaber des klassischen Buches sowie "Professoren aus Heidelberg" bei Liberalisierungen der für die Wissenschaft geltenden Schrankenbestimmungen immer wieder als schrille Mahner und Warner aufschwingen, ist völlig unverständlich. Sie sind im Grunde nur nützliche Idioten, die den Großverlagen, die ihnen im Erwerbungsetat der Bibliotheken auch noch das letzte Wasser abgraben, willig die Schaufel reichen.

Eine korrigierende Anmerkung: Die Autoren stellen vergleichend die Situation in den USA und in Frankreich dar, weil es hier im Gegensatz zu Deutschland bessere Untersuchungen über die Publikationswirklichkeit in den Geisteswissenschaften gibt. In diesem Zusammenhang wird, offenbar als Anspielung auf § 52a UrhG behauptet, dass in den USA „scannende Unidozenten“ nicht der Grund "für die Nachfragekriese" bei den geisteswissenschaftlichen Büchern sind, weil es das "amerikanische Copyright" verbiete, "den Studierenden digitale Ausschnitte aus geschützten Werken zur Verfügung zu stellen." Das ist falsch. Der "teach act" von 2002 erlaubt sogar eine weitergehende digitale Nutzung als § 52a UrhG.

Im Zusammenhang mit den übrigen Ausführungen der beiden Autoren kann man die Behauptung, § 52a UrhG sei ein Problem für den Buchabsatz, endgültig in das Reich der Märchen verbannten. 52a UrhG ist vielmehr eine Chance, dass Studierende bestimmte Bücher überhaupt noch zur Kenntnis nehmen. Man nennt das die Schaffung von Nachfrage. In anderen Zusammenhängen heißt so etwas "Wirtschaftsförderung". Nur im Urheberrecht soll das eine "Enteignung" sein?? 

Nach der Lektüre des Beitrages von Hirschi und Spoerhase fällt man auf diesen Trick hoffentlich nicht mehr herein.

Quelle: Caspar Hirschi, Carlos Spoerhase: Die Gefährdung des geisteswissenschaftlichen Buches : Die USA, Frankreich und Deutschland im Vergleich, in: Merkur 69 (2014), H. 788, S. 5-18.

Bücher, eBücher und Bibliothekswissenschaft

Der digitale Medienwandel, wie wir ihn gerade in den Bibliotheken erleben, macht auch vor dem gedruckten Buch nicht halt. Nicht nur im Bereich der wissenschaftlichen Literatur, auch in der Belletristik finden sich praktisch alle lieferbaren Titel zugleich in einer elektronischen Form, die über das Internet ausgeliefert wird und an Bildschirmen, mobilen Endgeräten aller Art und speziellen E-Book-Readern gelesen werden kann.

Diese so genannten E-Books (eBücher) sind sehr praktisch. Sie nehmen keinen Platz weg und lassen sich, sofern die Technik, die Netzabdeckung, der Akku und das Rechtemanagement mitspielen, nahezu überall lesen. Außerdem können sie in Windeseile durchsucht werden, was gerade für den wissenschaftlichen Nutzer sehr praktisch ist. Kein Zweifel, diese E-Books sind eine feine Sache, auf die man gerade in der Wissenschaft nicht mehr verzichten möchte.


Ausgehend von diesem Vorteil wird von Informationsexperten, zu denen sich auch und gerade die Bibliothekare gerne rechnen, immer wieder und mit der Emphase eines wissenden Apokalyptiker das Ende des gedruckten Buches postuliert. Denn dessen Funktion, so heißt es, würden in absehbarer Zeit die E-Books übernehmen.


Das Dumme daran ist nur, dass ein E-Book leider kein Buch ist. Damit ist nicht nur gemeint, dass ein trägerloser Datenstrom ganz anderen rechtlichen Regeln folgt und schon insoweit etwas vollkommen anderes ist als ein (gedrucktes) Buch.


Es geht, wenn vom „Buch“ die Rede ist, auch und gerade um die kulturelle Dimension konkreter Objekte. Sie wird immer dann übersehen, wenn diese Objekte auf ihren publizierten Informationsgehalt reduziert werden. Die Bibliothekswissenschaft muss hier aufpassen, nicht unkritisch und voreilig einem informationswissenschaftlichen Reduktionismus aufzusitzen.


Entstanden aus dem Geist der technokratischer Planungseuphorie der 70er Jahre, fehlt der Informationswissenschaft ein cultural turn, der neben der bloßen Information nicht nur deren soziale und organisatorische, sondern auch deren kulturelle und anthropologische Seite anerkennt. Das Buch ist terminologisch der Inbegriff all dieser unterschiedlichen Aspekte. Es ist nicht einzusehen, warum es terminologisch folgenlos sein soll, wenn einer oder mehrere dieser Aspekte ausgeblendet werden.


Eine Datei, die den publizierten Inhalt eines (gedruckten) Buches in elektronischer Form enthält, als „Buch“ zu bezeichnen, ist etwa so sinnvoll und verkürzend, wie eine Klorolle entsprechend zu benennen, nur weil sie wie eine Druckschrift aus Papier besteht.


Auch wenn man richtigerweise einwenden kann, dass es ja vor allem auf den Inhalt ankommt, so sollte es doch zu denken geben, dass wir ein textgetreu gespieltes Stück auf einer Bühne, obwohl der Inhalt identisch ist, niemals als „Buch“ bezeichnen. Warum sollte das dann für eine elektronische „Aufführung“ auf einem Datenträger gelten, die von ihrer Flüchtigkeit her eher mit einem Theaterstück, denn mit einem soliden Druck zu vergleichen ist?


Es wäre gerade in Zeiten des digitalen Wandels Aufgabe einer eigenständigen Bibliothekswissenschaft, die in der Informationswissenschaft meist ausgesparten kulturellen Aspekte publizierter Inhalte stärker in den Blick zu nehmen und so selbstbewusst ihren eigenen Platz als Kultur- und Organisationswissenschaft der publizierten und institutionell gesammelten Information zu behaupten.