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Dienstag, 10. Juni 2025

Von Mignes Druckereien zum digitalen Kontinuum: Wie Bibliotheken sich wandeln – und doch sie selbst bleiben

Zusammenfassung von: Chadwyck-Healey, Sir Charles. „Continuum, Not Revolution.“ In: The New Library Legacy: Essays in Honor of Richard De Gennaro*, herausgegeben von Susan A. Lee, S. 7–16. München: K·G·Saur, 1998. 

Stellen Sie sich vor, Sie befinden sich in einer riesigen Bibliothek im Jahr 1812, vielleicht in der Kaiserlichen Öffentlichen Bibliothek in St. Petersburg. Sie suchen ein bestimmtes Buch, und der einzige Weg, es zu finden, führt über einen komplizierten Prozess: Zuerst müssen Sie in einem dicken Katalog die Nummer des Buches herausfinden, dann zu einem riesigen Schrank mit den "Guard-Book"-Katalogen gehen, wo Sie die genaue Position erfahren. Anschließend müssen Sie einen Bibliotheksmitarbeiter aufsuchen, der das Buch aus dem Archiv holt. Wie der russische Fabeldichter Krylov feststellte, konnte es Stunden dauern, ein einzelnes Buch zu finden.

Diese Szene mag uns heute fremd erscheinen, aber sie verdeutlicht die Herausforderungen der Informationsbeschaffung in der Vergangenheit. Bibliotheken waren riesige, aber oft schwer zugängliche Schatzkammern des Wissens. Doch der Drang, Wissen zu sammeln, zu organisieren und zugänglich zu machen, ist kein Phänomen der Neuzeit. Es ist ein "Kontinuum, keine Revolution".

Der Pionier der Massenproduktion des Wissens: Abbé Jacques-Paul Migne

Ein herausragendes Beispiel für einen frühen Visionär, der dieses Kontinuum maßgeblich prägte, war Abbé Jacques-Paul Migne, ein katholischer Priester und Verleger aus Paris. Seine Arbeit in der Mitte des 19. Jahrhunderts mag physisch gewesen sein, aber die Prinzipien, die er anwandte, vorwegnahmen die Konzepte moderner digitaler Datenbanken und der weitreichenden Informationsverbreitung.

Migne gründete 1838 die "Imprimerie Catholique" (Katholische Presse). Sein Ziel war es, seine eigenen Werke zu veröffentlichen und anderen eine Plattform mit einem "freien Markt und einem freien Satz von Werkzeugen" zu bieten. Er war nicht nur ein Drucker, sondern ein brillanter "Marketing- und Vertriebsorganisator". Er verstand, wie man Informationen im großen Maßstab sammelt, verwaltet und verbreitet.

Migne stellte eine riesige Belegschaft ein, darunter viele ungewöhnliche Arbeitskräfte wie "ausgediente Priester aus den am stärksten unterdrückten Schichten der Pariser Bevölkerung" und sogar "entlaufene Schurken und Todesbetrüger". Diese unkonventionellen Rekrutierungen unterstreichen seine Entschlossenheit, die Produktion zu maximieren und die Arbeitskosten zu senken. Dank seiner Methoden konnte er um 1850 täglich 2.000 Bände drucken und produzierte letztlich Hunderte Millionen ungebundener Bücher.

Mignes bekanntestes Werk ist die Patrologia Latina (und die Patrologia Graeca), eine monumentale Sammlung von patristischen und mittelalterlichen Texten. Diese Reihe war ihrer Zeit weit voraus, da sie das Konzept einer "riesigen, kontinuierlichen, elektronischen Datenbank" von Texten vorwegnahm, die auf einheitliche Weise präsentiert und leicht durchsuchbar waren – auch wenn sie physisch in Büchern existierte. Migne sammelte, rationalisierte und formatierte Tausende von lateinischen (und griechischen) Texten, was eine enorme Leistung der bibliographischen Organisation darstellte.

Ein entscheidender Aspekt seiner Produktion war der Umgang mit dem Platz auf der Seite: Migne "zwängte die Wörter auf die Seite, um seine Produktionskosten niedrig zu halten". Dieser Pragmatismus führte zwar zu einem dichten Layout, ermöglichte aber die Massenproduktion und den niedrigen Preis. Moderne elektronische Ausgaben derselben Patrologia, so die Quelle, haben diese Platzbeschränkungen nicht mehr und können daher ein eleganteres und haltbareres Layout aufweisen.

Migne war auch ein Meister der Preisstrategie und des Direktmarketings. Er bot Bücher zu unterschiedlichen Preisen an, je nach Abnahmemenge:
*   Ein Kloster konnte 1.000 Bände für 6 Francs pro Band kaufen.
*   Eine Bestellung von 200 Bänden kostete 7 Francs pro Band.
*   Einzelne Bände waren für 10 Francs erhältlich.

Er nutzte auch Abonnementmodelle, bei denen er Bände nach Zahlung jeder Rate versandte. Diese aggressive Preisgestaltung und die "Direct-Mail-Merchandising"-Techniken waren darauf ausgelegt, die Bücher so weit wie möglich zu verbreiten und Mignes Ziel der "universellen Zugänglichkeit" von Informationen** zu verwirklichen.

Der stille Wandel nach Migne: Mikrofilm und CD-ROMs

Mignes Arbeit zeigte, wie Massenproduktion und effektive Verteilung Wissen weitreichend demokratisieren konnten. Seine Innovationen legten den konzeptuellen Grundstein für das, was folgte. In den 1970er Jahren setzte sich dieser Wandel fort. Die traditionelle Bibliothek begann sich zu wandeln, als neue Technologien Einzug hielten. Mikrofilm und Mikrofiche waren bahnbrechend, da sie riesige Mengen an Informationen auf winzigem Raum speicherten. Eine einzige Mikrofiche-Karte konnte 24 Bilder oder Seiten enthalten, und ein 4x6 Zoll großer Mikrofilm enthielt 48 Bilder. Die Einführung der CD-ROM in den 1980er Jahren war ein weiterer Meilenstein. Sie konnte ein Vielfaches der Informationen einer Mikrofiche speichern und ermöglichte es den Benutzern, Informationen selbst zu recherchieren, ohne auf Bibliothekspersonal angewiesen zu sein. Diese Entwicklungen waren jedoch keine revolutionären Brüche, sondern eher eine logische Fortsetzung der Bemühungen, den Zugang zu Informationen zu verbessern.

Das digitale Zeitalter: Kontinuum, keine Revolution

Mit dem Aufkommen des Internets und der elektronischen Informationsrevolution stehen wir vor einer scheinbar radikalen Veränderung. Doch der Kern dieses Wandels ist ein „Kontinuum, keine Revolution“. Die Grundfunktionen einer Bibliothek – das Sammeln, Verwalten, Bewahren und Bereitstellen von Informationen – sind im Wesentlichen unverändert geblieben. Was sich geändert hat, sind die Methoden und Werkzeuge, mit denen diese Funktionen erfüllt werden.

Heute können Sie von überall auf riesige Datenbanken zugreifen, und Informationen sind unmittelbar verfügbar. Projekte wie JSTOR, finanziert durch die Mellon Foundation, sind Beispiele dafür, wie Institutionen zusammenarbeiten, um den Zugang zu wissenschaftlicher Literatur zu digitalisieren und zu verbessern. Auch das Verlagswesen hat sich angepasst, mit Verlagen, die elektronische Kopien ihrer Publikationen direkt an Bibliotheken liefern.

Der Aufsatz betont, dass diese Entwicklung nicht bedeutet, dass die alten Paradigmen obsolet sind. Vielmehr sind sie die Grundlage für die neuen elektronischen Formate. Die Bibliotheken von heute sind das Ergebnis einer Evolution, die sich über Jahrhunderte erstreckt, von handgeschriebenen Manuskripten über den Buchdruck bis hin zu den digitalen Datenbanken.

Fazit

Migne ist ein leuchtendes Beispiel dafür, dass die Grundsätze des Zugangs, der Bewahrung und der Verbreitung von Wissen zeitlos sind. Seine Innovationen, obwohl technologisch anders, legten den Grundstein für die elektronische Revolution, die wir heute erleben. Der Wert von Bibliotheken und die Bedeutung von Information bleiben bestehen, auch wenn sich die Art und Weise, wie wir darauf zugreifen, ständig weiterentwickelt. Es ist ein faszinierendes Kontinuum des Wissens, das sich an neue Technologien anpasst, ohne seine grundlegende Mission zu verlieren. Die Bibliothek ist nicht tot; sie entwickelt sich weiter, um den unbegrenzten Durst nach Wissen zu stillen.


Mittwoch, 28. Mai 2025

Paul Raabe zum Alten Buch

Das alte und das kostbare Buch: Warum es für Bibliotheken eine Zukunftsaufgabe bleibt

In einer Zeit, in der digitale Medien dominieren, könnte man meinen, alte, physische Bücher seien nur noch Relikte der Vergangenheit. Doch der renommierte Bibliothekar Paul Raabe argumentiert in seinem Aufsatz "Das alte und das kostbare Buch: Eine bibliothekarische Zukunftsaufgabe" eindrücklich das Gegenteil. Basierend auf Auszügen aus diesem wichtigen Beitrag werfen wir einen Blick darauf, warum der Umgang mit alten Beständen auch heute und in Zukunft eine zentrale Rolle für Bibliotheken spielt.

Die vorliegenden Textauszüge stammen aus: Paul Raabe: Das alte und das kostbare Buch – Eine bibliothekarische Zukunftsaufgabe. In: Bertram Haller (Hrsg.)., Erlesenes aus der Welt des Buches : Gedanken - Betrachtungen - Forschungen. Wiesbaden 1979, S. 164-188.

Die Entwicklung und die Rolle des Bibliothekars

Paul Raabe beleuchtet zunächst die historische Entwicklung des deutschen Bibliothekswesens, das stark von der industriellen Buchproduktion und der schieren Masse der wissenschaftlichen Publikationen beeinflusst wurde. Dies führte zu einer stärkeren Technisierung und Verwaltungslast, was als eine potenzielle Entfremdung des Bibliothekars vom Buch selbst gesehen wird.

Was sind "alte und kostbare" Bücher?

Es geht nicht allein um das Alter. Das alte und kostbare Buch zeichnet sich durch seine Einzigartigkeit, seine Qualität, seinen materiellen Wert und seine historische Bedeutung aus. Diese Bücher sind unverzichtbare Quellen für die Geisteswissenschaften – von der Wissenschaftsgeschichte über Literatur und Philosophie bis hin zur Kunstgeschichte. Sie sind Träger von Gedächtnis und Geschichte.

Die zentralen Aufgaben im Umgang mit alten Büchern

Der Aufsatz identifiziert klare Kernaufgaben für Bibliotheken im Hinblick auf ihre Altbestände:

  • Bewahren und Erhalten: Alte Bestände sind durch verschiedene Faktoren gefährdet – von physischen Schäden bis hin zu Plünderung. Konservierung und Restaurierung sind daher grundlegende, spezialisierte Aufgaben.
  • Erschließen: Die katalogische Erschließung ist essenziell. Insbesondere die massenhaft vorhandenen Bestände des 18. und 19. Jahrhunderts erfordern eine systematische und detaillierte Bearbeitung, um sie nutzbar zu machen.
  • Forschen: Die Erforschung der Geschichte des Buches, des Buchdrucks und der Bibliotheksgeschichte ist Teil des bibliothekarischen Auftrags.
  • Vermitteln: Alte Bücher müssen nicht nur verwaltet, sondern auch vermittelt werden. Dies geschieht beispielsweise durch Ausstellungen oder Publikationen, um die Inhalte und ihre Bedeutung einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

Herausforderungen und Anforderungen

Der Umgang mit alten und kostbaren Büchern ist anspruchsvoll. Er erfordert spezialisiertes Wissen und handwerkliche Fähigkeiten, die über die allgemeine Bibliothekarausbildung hinausgehen. Raabe betont, dass Bibliotheken eine ausreichende Ausstattung mit Personal, Räumlichkeiten und finanziellen Mitteln benötigen, um diese Aufgaben bewältigen zu können.

Die Bibliothek sollte ein Ort der "Geisteswissenschaftlichen Kommunikation" sein, wo Forscher und Interessierte zusammenkommen und die Quellen nutzen und diskutieren können.

Technologie und die Zukunft

Während Digitalisierung ein wichtiges Werkzeug sein kann, um Zugänglichkeit zu verbessern, ersetzt sie nicht den direkten Umgang mit dem Originalbuch. Das alte Buch bleibt ein physisches Artefakt mit eigener Bedeutung.

Die Beschäftigung mit dem alten Buch wird als eine kulturelle und geistige Aufgabe gesehen, die zur "Rettung der Zukunft durch Sanierung der Vergangenheit" beiträgt. Sie ist eine Herausforderung und Chance, um die Rolle der Bibliotheken als zentrale kulturelle und wissenschaftliche Institutionen zu stärken und das Renommee der Geisteswissenschaften zu festigen.

Fazit

Paul Raabes Aufsatz macht deutlich: Das alte und kostbare Buch ist kein musealer Ballast, sondern ein lebendiger Schatz, dessen Pflege, Erschließung und Vermittlung eine zentrale und zukunftsorientierte Aufgabe für jede Bibliothek darstellt. Es erfordert Engagement, Expertise und die Anerkennung seines unschätzbaren Wertes für Wissenschaft und Kultur.


Samstag, 4. Dezember 2021

Sterbende Bibliotheken und das Internet

"Bibliotheken sind zutiefst private und religiöse Orte zugleich: Repositorien der eigenen Biografie ..., Orte, an denen individuelle und kollektive Geschichte scheinbar sinnvoll ineinandergreifen, die dem Narrativ geweiht sind, der Erklärung, dem roten Faden. Allein die Reihung der Buchrücken im Regal (nach welchem Prinzip?) schafft einen trügerischen Eindruck von Ordnung: als wäre hier alles, was in goldenen Lettern leuchtet, systematisch und erschöpfend behandelt, als könnte man von einem Buch zum nächsten schreiten auf dem Pfad der Erleuchtung. ...

Aber die Bibliothek verspricht mehr als nur Wissen. Bücher enthalten nicht nur Informationen, sie sind auch Sammelobjekte, Fetische, Reliquien ...

Können solche Bibliotheken im Zeitalter des Internets überleben? Nicht dass es sie nicht mehr gäbe - aber sie haben ihren Anspruch auf Gültigkeit verloren. Ihnen fehlt die Aura der Wahrheit. Wir trauen goldgeprägten Buchrücken nicht mehr zu, uns die Welt zu erschließen."

Philipp Blom, Bibliomanie und Emigration, in: Sasha Abramsky, Das Haus der zwanzigtausend Bücher, 2. Aufl., München 2015, S. 372.

Donnerstag, 2. Dezember 2021

Bibliothek und Geisteswissenschaften

"Die Aufgabe der Bibliotheken wird traditionell in der Erschließung und Bereitstellung von Literatur für die Wissenschaft gesehen, und die Erwartungen, die sich damit verbinden, prägen das Bild der Bibliothek. Es ist neuerdings üblich geworden, sie als 'Dienstleistungsbetrieb' zu bezeichnen, ihre Rolle im Wissenschaftsbetrieb mit 'Servicefunktion' zu umschreiben und in ihr eine rein technische Einrichtung zur 'Versorgung' des Benutzers mit Literatur zu erblicken.

Meine Auffassung von der Bibliothek ist eine andere. Ich sehe in ihr die zentrale Institution der geisteswissenschaftlichen Forschung. Sie ist dies, weil der Text in den Geisteswissenschaften als Gegenstand der Forschung eine primäre Bedeutung hat und überdies, weil die Geisteswissenschaften der Pflege und Erschließung jener kulturellen Traditionen dienen, die sich in der Bibliothek wie in kaum einer anderen Institution verdichten."

Bernhard Fabian: Buch, Bibliothek und geisteswissenschaftliche Forschung, Göttingen 1983, S. [9].

Sonntag, 12. Februar 2017

Bibliotheken und Internet (1996)

Aus der Frühzeit des Internet gibt es eine interessante Aussage in BT-Drs. 13/5197 vom 27. Juni 1996. Es handelt sich um einen Antrag der SPD-Fraktion mit dem Titel "Deutschlands demokratischer Weg in die Informationsgesellschaft".

Es geht in dem Antrag u.a. um die flächendeckende Versorgung mit Online-Diensten. Bibliotheken sollten dabei ein große Rolle spielen. Derartige Überlegungen sind gegenwärtig, wo das mobile Internet zu günstigen Konditionen Wirklichkeit wird, vielleicht nicht mehr so nötig.

Spannend ist aber diese Aussage: 
"Besondere Bedeutung kommt künftig auch den Bibliotheken zu. Zusammen mit den Hochschulen muß es zu ihren Aufgaben gehören, die 'informationelle Kontinuität' in der Gesellschaft zu gewährleisten. Ansonsten könnte sich die Informationsgesellschaft - angesichts der Flüchtigkeit elektronischer Informationen und rascher technischer Veränderungen - als eine Gesellschaft von 'informationellen Informationsinseln' im Strom der Zeit erweisen, die untereinander nicht mitteilungsfähig sind."

In der Debatte zum Deutschen Nationalbibliotheksgesetz und den erweitertern Sammelauftrag der Nationalbiliothek für Netzpublikationen wurde diese Drucksache wörtlich zitiert, vgl. PlPr. 16/11, S. 775.

Bibliotheken sollen auch im digitalen Zeitalter das Gedächtnis der Informationsgesellschaft sein. Interessant ist, dass auch den Hochschulen hier eine gesellschaftliche Aufgabe zugedacht wird. Das entspricht leider nicht dem gegenwärtigen Mainstream im Hochschulrecht, der eher nach Abschottung und Abstoßen nicht streng hochschulbezogener Aufgaben aussieht. 

Die Subversion der Bibliothek

In einem Buch, das sich als poltische Streitschrift eines konservativen Journalisten gegen die sich etablierenden Linken der 68er Bewegung und deren “kollektivistische” Ideen versteht, heute freilich nur noch zeitgeschichtlich oder für wertkonservative Antiliberale von Interesse ist, findet sich eine schöne Beschreibung der Subversivität von Bibliotheken:

“Sozialistische Revolution ist Kulturrevolution. Die Antwort auf sie liegt im Gebrauch der geistigen Freiheit. Die Bibliothek geht in die Katakombe. Sie ist allerdings nur ein vorsorglich zu bereitender Ort des Rückzuges, nicht eine Oase weltabgewandter Bequemlichkeit.” S. 191

Die Nutzung der Bibliothek wird als eine Art militanter Aktion imaginiert:

“Wir sprachen auch, vielleicht um einen Grad zu dunkel gestimmt, von der Bibliothek in der Katakombe. Der Fall der Bilder deutet darauf hin, daß die Auseinandersetzung um das geistige Programm des Menschen geht und mit Mitteln des Geistes ausgefochten werden muss. Dafür gilt es sich zu rüsten. Was kommt, ist ein schwieriger und gefährlicher Waffengang. An … der Heiligung und Verbrennung von Texten … ist da abzusehen.” S. 215

Und das Studium erscheint als “Kampf”:

“Der Mann mit dem Buch ist militant … Der Studienbereich der groß, man braucht den Fleiß der Revolutionäre, um ihn zu bewältigen. Der Geist einer Sache steckt in den Details. S. 216 f.

Natürlich muss man die Sache des Gegeners kennen:

“Da die radikalen Linken geschwätzig sind, haben sie eine ganze Bibliothek von Revolutionsliteratur verlegt und vertrieben. Die Schriften sind von großer Wichtigkeit.” S. 217

Der Autor gibt am Ende seines Werkes eine Liste mit einschlägiger Literatur (S. 227-230), die man kennen sollte, wohl auch, damit man dazugehört:

“Der Mann mit dem Buch gehört zu einer Elite.” S. 218

Quelle: Herbert Kremp: Am Ufer des Rubikon : eine politische Anthologie, Stuttgart 1973.

Kundenorientierung in Bibliotheken

Manche Bücher und Texte brauchen Jahrzehnte, bis sie ihre mitunter enorme Wirkung entfalten können.

Bibliotheken, die kundenorientiert erwerben und aussondern, sind für diesen wichtigen und gar nicht so seltenen kulturellen Prozess pures Gift, zumal niemand sonst einen vergleichbaren Reifungsraum für Publikationen bereitstellt.

Kundenorientierung als Leitbild bibliothekarischer Arbeit muss daher um eine zeitliche Komponente ergänzt werden: Schon heute an die Nutzer von übermorgen denken!

Samstag, 11. Februar 2017

Die Bibliothek als Labor

„Man kann alles digitalisieren. Das wird die Bedeutung der Bibliotheken überhaupt nicht mindern. Sie können doch auch nicht einem Physiker sagen, du brauchst kein Labor, Du kannst Deine Versuche auch virtuell machen. Zum Laborbetrieb gehört wie zur Bibliothek die lebendige Kommunikation.“ 

Hans-Joachim Gehrke vom Deutschen Archäologischen Institut in Rom über die Bedeutung der Bibliothek für die geisteswissenschaftliche Forschung, in einem Beitrag vom 25. Januar 2010 bei tagesschau.de.

Momentum auf archive.org

Nennt es nicht Bibliothek!

Seit einigen Monaten finden sich immer wieder Berichte in den Medien, dass insbesondere skandinavische öffentliche Bibliotheken damit kokettieren, kaum noch Bücher zu haben und sich stattdessen modern und zeitgemäß als Begegnungszentren, Maker-Spaces und dergleichen mehr präsentieren.

Es fehlt hierzulande nicht an Stimmen, auch und gerade von bibliotheksoffizieller Seite, die diese Entwicklung als Vorbild für die öffentlichen Bibliotheken begrüßen. Der Grund dafür ist einsichtig: Endlich scheint man mit den nach skandinavischem Vorbild transformierten Bibliotheken einen Ausweg aus der durch das Internet und die dort enthaltene Fülle an Informationen drohenden Bedeutungslosigkeit gefunden zu haben.


So weit, so gut, so falsch.


Zwar stimmt es, dass die alte Bücher-Bibliothek sehr viele ihrer Funktionen unwiederbringlich an das Internet verloren hat. Zum Nachschlagen und kurzen Informieren reichen die Online-Angebote in 99,9% aller Fälle mehr als aus. Das bedeutet aber nicht, dass man nun 3D-Drucker und Internetcafés mit Infotheke betreiben muss, um das vorhandene bibliothekarische Personal bis zur Rente noch irgendwie sinnvoll einzusetzen. Oder doch? Tatsächlich scheint ein wesentlicher Grund für die positive Grundstimmung den skandinavischen Entwicklungen gegenüber mehr eine Mentalität der Besitzstandwahrung, als eine in der Sache begründete Notwendigkeit zu sein. Wenn einem nun die Felle der Bücherwelt davonschwimmen, sucht man eben nach einem anderen Geschäftsfeld, das lustigerweise immer noch "Bibliothek" genannt wird. Sentimentalität kann manchmal sehr konservativ sein.


Wenn wir diese neuen Kultur- und Begegnungszentren aber weiterhin “Bibliothek” nennen, ist das allerdings kein Ausdruck einer zukunftsfesten Weiterentwicklung, sondern eine semantische Verschleierung.


Es ist nämlich schlicht falsch, dass es in Zukunft keine Bücher mehr gibt und sich die Notwendigkeit und Sinnhaftigkeit von Institutionen, die einen öffentlichen Buchbesitz zur allgemeinen Benutzung vorhalten, nicht mehr stellt.


Richtig ist, dass solche Einrichtungen, die allein ich weiterhin als "Bibliothek" bezeichnen möchte, eine andere Bedeutung und Funktion haben werden, als das früher der Fall war, als Bibliotheken noch das Monopol auf öffentlich verfügbare Informationsmittel hatten. Diese andere Funktion wird eine speziellere und eine - gesellschaftlich gesehen - vermutlich auch geringere und leisere sein, als sie die Bibliothek im vordigitalen Zeitalter hatte.


Richtig ist aber auch, dass die allgemeine Digitalisierung und die faszinierenden Möglichkeiten des Internet neue Bedürfnisse nach kulturellen Einrichtungen und Begegnungsorten entstehen lassen. Solche Einrichtungen könnten in der Tat die eingangs genannten skandinavischen “Bibliotheken” sein.


Aber man soll sie bitte nicht "Bibliothek" nennen und meinen, hier liege die Zukunft des Bibliothekswesens.


Diese Einrichtungen sind nicht die Zukunft, sie sind einfach etwas anderes.


Hier weiter von “Bibliotheken” zu reden, führt im Ergebnis dazu, dass die eigentlichen Bibliotheken, die mit den Büchern nämlich, unverantwortlich vernachlässigt werden. Das fängt mit der Pflege einer spezifischen bibliothekarischen Professionalität an, die nicht selten nur noch mitleidig-verächtlich schief von der Seite angesehen wird, geht über die berufliche Ausbildung, in der genuine Buch-Themen praktisch nicht mehr vorkommen, bis hin zur Forschung, die Berufsbibliothekare gerne Historikern und Kulturwissenschaftlern überlassen und sich für deren Ergebnisse dann noch nicht einmal interessieren. Das klassische Bibliothekswissen ist aber mitnichten veraltet und “kann auch nicht weg”, sondern ist bloß für weniger Einrichtungen relevant. Das ist alles.


Und die neuen "Bibliotheken" mit ihren Maker-Spaces? Hier wird man ganz eigene Kompetenzen, Professionalitäten und Fächer brauchen, die kaum aus der Bibliothekswissenschaft, sondern vor allem aus der Bildungs- und der Medienwissenschaft kommen werden.


Übrigens hat die ganze Dikussion um die neue buchbefreite "Bibliothek" zwei blinde Flecke.

Erstens sind Maker-Spaces keine Zukunft, denn in 20 Jahren hat jeder im Keller einen 3D-Drucker stehen, womit der Bibliotheksdrucker in etwa so cool sein wird, wie ein heutzutage ein Brockhaus im Regal, wenn jeder die Wikipedia in der Hosentasche hat. Natürlich könnte man als “trendscout” immer wieder neue hippe Tools, die noch keiner hat, zum allgemeinen “hands on” anbieten. Dann wäre die Zukunft der Bibliothek wohl der Media-Markt mit Starbucks, freiem WLAN und Gruppenarbeitsräumen. Kann man machen. Ist dann aber eigentlich keine Kultureinrichtung mehr. Hier kommen wir zum zweiten blinden Fleck.

Warum diskutieren - im Gegensatz zu Archiven oder Museen, die ja auch vom digitalen Wandel betroffen sind - immer nur die Bibliotheken ihre eigene Abschaffung und Auflösung?


Ich würde eine solche Diskussion übrigens noch stärker in den Volkshochschulen erwarten, denn kaum etwas ist angesichts gewaltiger Selbstlernmöglichkeiten im Internet angestaubter, als Lehrerinnen und Lehrer in Klassenräumen zu festen Unterrichtszeiten. Eigentlich rufen die Selbstlernmöglichkeiten doch geradezu nach Begegnungenräumen, in denen entweder unter professioneller Anleitung oder selbstorganisiert Menschen sich zusammenfinden, um gemeinsam Neues zu erarbeiten. Vermutlich sind die berufsständisch organisierten Beharrungskräfte im Volkshochschulbereich (Stellen, Fördergelder, etc.) noch größer als im Bibliothekswesen, wo man immerhin Veränderungen gegenüber offen ist, auch wenn man dabei vorschnell und ohne Not die eigene Identität aufzugeben bereit ist.


Die neue skandinavische “Bibliothek” jedenfalls ist bei Licht besehen ein Hybrid aus Internet und Volkshochschule mit kuratiertem Medienbestand, zu dem auch eine Bibliothek (ja, als eigene (!) Abteilung) mit Bibliothekaren (ja, als eigener (!) Beruf) gehören sollte.


Das Bibliothekswesen und die Bibliothekswissenschaft sollten daher weniger an der Abschaffung ihrer selbst arbeiten und bücherlose Einrichtungen unkritisch bejubeln, sondern sich zusammen mit anderen Professionen als Teil einer neuen öffentlichen Kultur- und Bildungseinrichtung verstehen, wo es auch noch eine Bibliothek gibt und wo gelernte Bibliothekare nicht meinen müssen, auch alles andere noch en passant zu betreuen und zu managen.

Die Zukunft der Bibliotheken - a Starbucks view

Sie philosophieren über die "Zukunft" der Bibliotheken und benennen sogenannte "Herausforderungen" und "Wandlungen". Die Digitalisierung, die alles verändern und das Ende der Bibliothek, wie wir sie kennen, herbeiführen wird, ist ihr großes Thema. Als Apokalyptiker des gedruckten Buches können sie sich der Aufmerksamkeit der fortschrittlichen Kräfte im Bibliothekswesen sicher sein. Und wer will heute nicht zu den fortschrittlichen Kräften gehören?
Aber: Technik ist kein Imperativ. Und: Die Zukunft ist offen.
Man versetze sich gedanklich doch einmal in die Frühzeit der Telefonie. Was für ein Wunderwerk der Technik! Man kann sich mit Abwesenden unterhalten, ohne das traute Heim verlassen zu müssen. Wer wird denn jetzt noch laute und kostspielige öffentliche Kaffeehäuser aufsuchen, um sich mit anderen zu treffen und sich zu unterhalten. Dem Telefon gehört die Zukunft. Kaffeehäuser braucht niemand mehr. Und wie zur Bestätigung dieser These hatten in den 90er Jahren die großen Ausschankfilialisten Eduscho und Tschibo ihr Geschäftskonzept radikal geändert und die Heißgetränkverkauf abgeschafft.
Dann kam Starbucks. Dort gehen die Leute sehr gerne hin, auch mit ihrem Telefon, aber nicht, um zu telefonieren (eine selten genutzte Funktion übrigens), sondern, um das freie WLAN für diverse Online-Aktivitäten zu nutzen. Oft allein, oft aber auch mit anderen zusammen.
Und was hat das mit Büchern zu tun? Alles! Das kleine Beispiel zeigt nämlich sehr schön, dass technische Möglichkeiten überhaupt keine Rückschlüsse über künftige Entwicklungen erlauben. Das gilt übrigens auch für das Mobiltelefon, das zum Telefonieren erfunden, aber am Ende als mobiles Internet revolutionär wurde. Wie gesagt: Technik ist kein Imperativ.
Der große Fehler aller Vorhersagen und futurologischen Phantasien ist immer, den menschlichen Faktor auszuschalten. Im Bibliothekswesen konnte man das bei der Diskussion um die Mikroform in den 60er und 70er Jahren gut beobachten. Auf die reine “Informationsversorgung” reduziert, ist die Mikroform sicher sehr leistungsfähig. Aber dass sie ganze Bibliotheken als Gebäude überflüssig macht, wie manche geglaubt haben, war falsch. Am Ende hat die Mikroform als Sekundärform für die Langzeitarchivierung ihre kleine Nische gefunden. Das war es aber auch schon.
Wer jetzt nun wissen will, wie die Digitalisierung die Bibliotheken verändern wird, sollte sich nicht mit sogenannten Experten unterhalten, die gerade bei neuen Medien meist einen technokratischen Hintergrund haben, er sollte auch nicht Nutzer befragen, was sie mit neuen Techniken machen wollen.
Wer sich seriös mit der Zukunft von Bibliotheken befassen will, der sollte seinen Blick zurück in die Vergangenheit wenden und sehr sensibel darauf achten, was Menschen mit Büchern tun und warum sie es mit Büchern tun. Er sollte auch den früheren Medienwandel von der Rolle zum Codex und von der Handschrift zum gedruckten Buch studieren.
Wer dann verstanden hat, was Menschen warum mit Büchern tun, der wird einige vorsichtige Annahmen über die Zukunft machen können und dabei eines nicht vergessen: Die Zukunft ist offen!