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Mittwoch, 11. Juni 2025

„On Demand statt On Paper“ – Zur Zukunft des wissenschaftlichen Arbeitens im Zeitalter generativer KI

Die These, dass generative KI dazu führt, dass der Fachaufsatz, den ich lesen möchte, nicht mehr vorab geschrieben, sondern auf Anfrage individuell erzeugt wird, berührt einen tiefgreifenden Wandel in der Wissensproduktion. Sie beschreibt nicht weniger als den Übergang von einem publikationsbasierten zu einem abfragebasierten Wissenschaftsmodell – von der tradierten Zeitschriftenkultur hin zu einer personalisierten Wissensgenerierung. Die Implikationen für Fachzeitschriften und das wissenschaftliche Arbeiten insgesamt sind erheblich.

 I. Der Fachaufsatz als dynamisches Produkt

Bisher war der wissenschaftliche Aufsatz eine feste Einheit: einmal verfasst, begutachtet, publiziert und zitiert, wurde er Teil des Kanons. Er war Ausdruck einer spezifischen Forschungsperspektive zu einem bestimmten Zeitpunkt. Generative KI unterläuft dieses Modell, indem sie Inhalte in Echtzeit synthetisieren kann – zugeschnitten auf Thema, Erkenntnisinteresse und Vorwissen des Lesenden. Das „Paper“, das ich heute benötige, muss nicht identisch sein mit demjenigen, das jemand anderes morgen zur gleichen Fragestellung anfordert.

Damit wird der Fachaufsatz zu einem dynamischen, kontextsensiblen Produkt. Die Qualität einer solchen Antwort hängt nicht nur von der zugrunde liegenden Datenbasis, sondern auch von der Prompt-Kompetenz des Nutzers ab. Wissenschaftliches Schreiben verlagert sich vom Autor zum System, wissenschaftliches Lesen wird zum aktiven Akt der Kontextualisierung.

II. Folgen für Fachzeitschriften

Fachzeitschriften drohen durch diese Entwicklung an Relevanz zu verlieren. Wenn wissenschaftliche Texte nicht mehr geschrieben, sondern generiert werden, wird die Zeitschrift als kuratierende Instanz marginalisiert. Ihre Funktion als Qualitätsfilter, Diskursraum und Zitationsanker gerät unter Druck.

Allerdings eröffnen sich auch neue Rollen. Zeitschriften könnten sich als Anbieter von „prompt templates“, als Kuratoren besonders gelungener generativer Antworten oder als Plattformen für die Validierung und Archivierung generierter Texte etablieren. Qualitätssicherung wird sich stärker auf die Verlässlichkeit von Modellen und Datenquellen konzentrieren – und weniger auf einzelne Texte.

III. Wandel des wissenschaftlichen Arbeitens

Auch das wissenschaftliche Arbeiten selbst verändert sich grundlegend. Wenn Erkenntnis nicht mehr im Schreiben, sondern im Prompten besteht, wird die Fähigkeit, kluge Fragen zu stellen, zentral. Der Wissenschaftler wird zum Dialogpartner einer Maschine, der weniger eigene Argumente entfaltet als vielmehr die Bedingungen ihrer kohärenten Darstellung vorgibt.

Gleichzeitig droht eine Erosion wissenschaftlicher Originalität. Wenn generative Systeme auf dem aggregierten Wissen der Vergangenheit basieren, besteht die Gefahr intellektueller Konformität. Innovation entsteht nicht durch Rekombination des Bestehenden, sondern durch das Denken gegen den Strich. Ob Maschinen dazu imstande sind, ist bislang offen.

IV. Fazit

Die skizzierte These beschreibt kein Zukunftsszenario, sondern einen bereits einsetzenden Paradigmenwechsel. Der Fachaufsatz als individuelle, finale Publikation verliert an Bedeutung zugunsten prozesshafter, dialogischer Wissensformate. Fachzeitschriften müssen ihre Rolle neu definieren, das wissenschaftliche Arbeiten verlangt neue Kompetenzen. Ob daraus eine Demokratisierung oder eine Trivialisierung von Wissenschaft erwächst, hängt wesentlich davon ab, wie bewusst wir diese Transformation gestalten.


Samstag, 11. Februar 2017

Wissenschaftsfreiheit und wissenschaftliches Publizieren

In einer grundrechtlichen Dissertation von Sophie-Charlotte Lenski zu Fragen des Verhältnisses von Massenkommunikation und Persönlichkeitsrechten finden sich einige interessante Ausführungen zu Wissenschaftsfreiheit und wissenschaftlichem Publizieren.

Die Autorin identifiziert zu Recht die Wissenschaftsfreiheit als ein kommunikatives Grundrecht. Daraus folgert sie einen engen Zusammenhang von Wissenschaft und Publikation. Sie schreibt:
"Ein Forscher, der nicht publiziert, ist als Wissenschaftler inexistent. Wissenschaftsfreiheit und Publikationsfreiheit sind untrennbar miteinander verbunden. Wissenschaft ohne Mitteilung ist nicht denkbar." S. 105

In der wissenschaftlichen Kommunikation sieht sie eine Ausprägung des Persönlichkeitsrechts. Wissenschaft ermögliche die "Selbstentfaltung des Einzelnen", S. 107 f.

Diese Ausführungen sind in zweierlei Hinsicht bedeutsam:
- Funktionierende Publikationsstrukturen gehören zum Schutzbereich der Wissenschaftsfreiheit. Der Gesetzgeber sollte daran denken, wenn er ein wissenschaftsfreundliches Urheberrecht schaffen möchte.
- Diese Strukturen müssen allen offenstehen, die wissenschaftlich arbeiten. Open Access und Zweitveröffentlichungsrechte sind nicht nur für öffentlich finanzierte Forschung sinnvoll und richtig, sondern für jeden, der wissenschaftlich arbeitet und publiziert.

Quelle: Sophie-Charlotte Lenski: Personenbezogene Massenkommunikation als verfassungsrechtliches Problem : das allgemeine Persönlichkeitsrecht in Konflikt mit Medien, Kunst und Wissenschaft. - Berlin : Duncker & Humblot, 2007. - 329 S. (Schriften zum öffentlichen Recht ; 1052)

Wissenschaftliches Publizieren und Wirtschaftsinformatik

Ein interessanter Sammelband zur Wissenschaftstheorie der Wirtschaftsinformatik ist auch für Bibliothekare anregend.

Lehner/Zelewski (Hrsg.), Wissenschaftstheoretische Fundierung und wissenschaftliche Orientierung der Wirtschaftsinformatik, Berlin 2007.

Die Bibliothekswissenschaft teilt das in dem Sammelband festgestellte und aus verschiedenen Blickwinkeln beleuchtete Theoriedefizit der Wirtschaftsinformatik. Als „anwendungsorientierte Wissenschaftsdisziplin“ besteht die Gefahr, dass mehr nach einer Umsetzung gefundener Lösungen in der Praxis gestrebt wird als nach einer theoretischen Fundierung des eigenen Faches. Die insbesondere an den Fachhochschulen beheimatete Bibliothekswissenschaft kann hier zusammen mit den Wirtschaftsinformatikern durchaus ernste Gewissenserforschung betreiben.

Ein Beitrag des Bandes beschäftigt sich, für Bibliothekare sehr spannend, mit dem Thema Publikationspraxis. 

Zelewski, Kann Wissenschaftstheorie behilflich für die Publikationspraxis sein?, S. 71-120.

Diskutiert werden wissenschaftstheoretische Hilfestellungen, die die Relevanz einer Publikation aufzeigen sollen. Zielstellung sollte sein, dass nur solche Publikationen erscheinen, die auch wirklich etwas Neues bringen. 

Dies ist in der gegenwärtigen Wissenschaftspraxis nicht immer der Fall. Insbesondere Tagungen und Kongresse geraten leicht zu „Publikationsmaschinen“. 

Interessanter Gedanke, um sich dem bibliographischen Output eines Bibliothekartages einmal zu nähern.

Über den Weg des Publizierens selbst wird leider nichts gesagt. Bemerkenswert ist aber die Feststellung, dass die systembedingt (!) hohe Nachfrage nach Publikationsmöglichkeiten von den einschlägigen Fachzeitschriften nicht mehr bewältigt werden kann (S. 80). Also der Tagungsband als Überlaufbecken? Oder gar das Repositorium?

Gelegenheit, über Publikationskulturen und -wege nachzudenken, gibt der Beitrag von Zelewski allemal.

Kurz erwähnt sei noch, dass der Band auch eine „Wissenschaftsphilosophie des Digitalisierens“ von Born/Daneilczyk bietet, S. 185-218.

Böse Bemerkungen zum wissenschaftlichen Publizieren

In der FAZ vom 21. Januar 2009 hat der Kieler BWL-Professor Joachim Wolf ein paar böse Bemerkungen zum gegenwärtigen System des wissenschaftlichen Publizierens in internationalen Fachzeitschriften geschrieben. Lesenswert!

Wolf kritisiert, dass viele der publizierten Artikel sich auf Spezialstfragen konzentrieren und dass diese Artikel andere Untersuchungen praktisch kaum zur Kenntnis nehmen.

Das freilich erklärt ungemein die für einen an gründliches Arbeiten gewöhnten Buchwissenschaftler oftmals erstaunliche Schlankheit im Fußnotenapparat von wissenschaftlichen Artikeln gewisser Fachgebiete.

Wolf merkt zudem an, dass derart publizierende Wissenschaftler auch kein Interesse an einem Dialog mit der Praxis haben. Praktiker wollen klare Aussagen zu sehr komplexen Fragen und nicht einige Aspektchen zu Spezialproblemen. Sich mit Praktikern zu beschäftigen raube nur Zeit.

„Daher laufen diese Wissenschaftler schnell weg, wenn sich ein Praktiker nähert. Fast so, wie es früher im Baumarkt war, als die Fachberater sich versteckt haben, sobald sich ein fragender Kunde näherte. Diese Wissenschaftler begründen ihr Weglaufen auch damit, weil ihr primäres Ziel in der Akzeptanz ihrer Artikel durch Zeitschriftenherausgeber bestehe. Mit diesen müsse das Gespräch gesucht werden, nicht mit den Praktikern. Das universitäre Anreizsystem verlange es so.“

Nett auch der Hinweis darauf, wie neben der hochspezialisierten Publikationstätigkeit (soll man wirklich ‚Forschung‘ sagen?) die Lehre abgewickelt wird:

„Sie versuchen sich in dieser Situation zu helfen, indem sie ein bekanntes, nicht aus ihrer eigenen Feder stammendes Lehrbuch auswählen, es in eine große Zahl an Powerpoint-Slides umsetzen lassen (!!, Anm. ES) und hernach dann diese Slides und das Lehrbuch vorlesen. Oder sie berichten in ihren Lehrveranstaltungen immer wieder von ihren hochfokussierten Forschungsprojekten und tun so, als ob dies das gesamte, von ihnen zu vertretende Teilgebiet der Betriebswirtschaftslehre sei.“

So gesehen ist es eine Zumutung, wenn in der Bologna-Universität auch noch Anwesenheitspflicht gefordert wird. Ach, selige Zeit, wo man die Vorlesung Vorlesung sein lassen konnte und die wirklich prägenden geistigen Abenteuer in der Bibliothek erlebte. 

Nach Wolf ist das Lehrbuchschreiben übrigens eine zweitklassige Beschäftigung. Wer Lehrbücher schreibe, habe das akademische Anreizsystem nicht verstanden.

Quelle: Joachim Wolf: Der schlaue Weg zur Publikation, in: FAZ vom 21. Januar 2009

Hirschi und Spoerhase zur Zukunft des geisteswissenschaftlichen Buches

In einem lesenswerten Beitrag in Heft Nr. 788 der Zeitschrift Merkur machen sich Caspar Hirschi und Carlos Spoerhase Gedanken über die Zukunft des geisteswissenschaftlichen Buches. Entgegen landläufiger Annahmen sehen sie hier weder in der Aufweichung des Urheberrechts, weder bei Amazon oder in der Buchpiraterie ein nennenswertes Problem. Die Bedrohung kommt vielmehr aus dem Verlagswesen selbst.

Hier sind an erster Stelle die exorbitant gestiegenen Preise für wissenschaftliche Zeitschriften zu nennen, die dazu geführt haben, dass Bibliotheken als wichtige Käufergruppe weggebrochen sind. 

Auch der private Buchkauf ist stark rückläufig, was u.a. daran liegt, dass zu wenig auf lesbare Qualität geachtet wird. Im Gegensatz zu früheren Zeiten bricht geistewissenschaftlichen Büchern daher das Publikum weg. Manche Verlage reagieren darauf, dass sie vermehrt Handbücher und Einführungen publizieren, Werke, die überdies gerne von Bibliotheken gekauft werden, was bei ohnehin bestenfalls stagnierenden Buchetats die Krise des klassischen geisteswissenschaftlichen Buches nur noch verschärft.

Interessant ist auch die Kritik am goldenen Weg von Open Access, bei dem die Gefahr gesehen wird, dass das für die Literaturversorgung zur Verfügung stehende Geld nun zwar nicht mehr für Abonnements, jetzt aber in vergleichbarer Höhe für die Publikation von Zeitschriftenbeiträgen ausgegeben wird. Die kritische Lage bei den Büchern wird sich so nicht entspannen, vielleicht sogar - als unbedachter Kollateralschaden - noch verstärken.

Generell problematisch finden die Autoren die mit Druckkostenzuschüssen subventionierte Publikationskultur, die zu Veröffentlichungen ohne Rücksicht auf die Leser führt. Wissenschaftliches Publizieren nähert sich so der vanity press an.

Im Ergebnis plädieren beide Autoren für weniger Bücher höherer Qualität.

Nach der Lektüre des Beitrages bleibt ein gewisses Gefühl der Unzufriedenheit. Denn die Autoren lassen sich zu wenig auf den gerade stattfindenden medialen Wandel ein. Es ist überhaupt nicht ausgemacht, dass das Format der umfangreichen geisteswissenschaftlichen Monographie den zunehmend auch in den Geisteswissenschaften digital arbeitenden Menschen auf die Dauer gleich wichtig sein wird.

Es kann durchaus sein, dass kleinere Formate wie Blogs und kurze Arbeitspapiere eine halbherzige Buchpublikation, der sicher auch Hirschi und Spoerhase keine Träne nachweinen werden, ersetzen kann. Sehr ernsthaft nachdenken sollte man auch über die Dissertation, die in nicht wenigen Fällen nur eine umständlich verpackte und aufgeblähte These ist. 100 Seiten, originell und gut und elektronisch, können auch reichen. Dafür sollte man lieber bei der Habilitation die große Monographie verbindlich fordern. Hier besteht nämlich im Gegensatz zum Promotionswesen die begründete Hoffnung auf weniger Bücher in höherer Qualität.

Ein weiterer Punkt, der Vertiefung verdient, ist die Anschaffungspolitik der Bibliotheken, die immer mehr auf leichte und nutzerfreundliche Kost (Handbücher, Einführungen) setzen. Hier könnte man fragen, ob es nicht gerade Aufgabe der Fachreferenten vor allem in den Geisteswissenschaften sein sollte, aktuelle Debatten aufmerksam zu verfolgen und einen intellektuell anregenden Bestandsaufbau zu pflegen. Langfristig könnte das für die Leser besser sein, als die Zeit in irgendwelchen pseudo-aktuellen Projekten zu verplempern.

Auch wenn hier der Aufsatz von Hirschi und Spoerhase vielleicht etwas zu wenig visionär ist, in einem Punkt verdient er 100%ige Zustimmung: Das Urheberrecht ist NICHT das Problem, dient es doch vor allem dazu, die für das geisteswissenschaftliche Buch verheerende Geschäftspolitik einiger weniger Großverlage abzusichern. Dass sich gerade kleine Mittelständler, erkläre Liebhaber des klassischen Buches sowie "Professoren aus Heidelberg" bei Liberalisierungen der für die Wissenschaft geltenden Schrankenbestimmungen immer wieder als schrille Mahner und Warner aufschwingen, ist völlig unverständlich. Sie sind im Grunde nur nützliche Idioten, die den Großverlagen, die ihnen im Erwerbungsetat der Bibliotheken auch noch das letzte Wasser abgraben, willig die Schaufel reichen.

Eine korrigierende Anmerkung: Die Autoren stellen vergleichend die Situation in den USA und in Frankreich dar, weil es hier im Gegensatz zu Deutschland bessere Untersuchungen über die Publikationswirklichkeit in den Geisteswissenschaften gibt. In diesem Zusammenhang wird, offenbar als Anspielung auf § 52a UrhG behauptet, dass in den USA „scannende Unidozenten“ nicht der Grund "für die Nachfragekriese" bei den geisteswissenschaftlichen Büchern sind, weil es das "amerikanische Copyright" verbiete, "den Studierenden digitale Ausschnitte aus geschützten Werken zur Verfügung zu stellen." Das ist falsch. Der "teach act" von 2002 erlaubt sogar eine weitergehende digitale Nutzung als § 52a UrhG.

Im Zusammenhang mit den übrigen Ausführungen der beiden Autoren kann man die Behauptung, § 52a UrhG sei ein Problem für den Buchabsatz, endgültig in das Reich der Märchen verbannten. 52a UrhG ist vielmehr eine Chance, dass Studierende bestimmte Bücher überhaupt noch zur Kenntnis nehmen. Man nennt das die Schaffung von Nachfrage. In anderen Zusammenhängen heißt so etwas "Wirtschaftsförderung". Nur im Urheberrecht soll das eine "Enteignung" sein?? 

Nach der Lektüre des Beitrages von Hirschi und Spoerhase fällt man auf diesen Trick hoffentlich nicht mehr herein.

Quelle: Caspar Hirschi, Carlos Spoerhase: Die Gefährdung des geisteswissenschaftlichen Buches : Die USA, Frankreich und Deutschland im Vergleich, in: Merkur 69 (2014), H. 788, S. 5-18.