Im Rahmen des 24. Philosophicum Lech hielt der Ägyptologe und Kulturwissenschaftler Jan Assmann seinen Vortrag zum Thema „Religion und Fiktion“. Im Zentrum seiner Überlegungen steht die These, dass das menschliche Denken, Fühlen und Handeln fundamental auf Voraussetzungen angewiesen ist, die im Modus des „Als ob“ funktionieren. Diese grundlegenden Sinnfiktionen sind keine Lügen oder Fälschungen, sondern unverzichtbare Bausteine der menschlichen Kultur und Existenz. Insbesondere die Religion bildet einen zentralen Lebensbereich, der ohne das „Als ob“ nicht auskommt.
Assmann entfaltet diese Kulturgeschichte des Glaubens in vier zentralen Schritten:
1. Ägyptischer Kosmotheismus und das Scheitern radikaler Unmittelbarkeit
Die antiken kosmotheistischen Religionen erfuhren göttliche Mächte in unmittelbar spürbaren Naturphänomenen wie Sonne, Regen oder Blitz. Um mit diesen mächten zu kommunizieren, brauchte es eine enorme kulturelle Gestaltungskraft: Die Ägypter gaben den Kräften Namen, Gestalten und Zuständigkeiten und schufen durch Tempel, Götterbilder und Riten eine sogenannte Hierosphäre – einen heiligen Raum symbolischer Repräsentation.
Im 14. Jahrhundert v. Chr. versuchte Pharao Echnaton, dieses Prinzip des „Als ob“ radikal abzuschaffen. Er strich alle traditionellen Götterbilder und erkannte nur noch die physische Sonne als einzigen Gott an. Dieser Versuch, reine Unmittelbarkeit ohne symbolische Vermittlung zu erzwingen, scheiterte jedoch nach kurzer Zeit. Die Kulturgeschichte zeigt: Ohne das „Als ob“ der symbolischen Repräsentation kann Religion nicht bestehen.
2. Biblischer Monotheismus: Die Hierosphäre wandert in die Schrift
Der biblische Monotheismus setzte sich scharf vom ägyptischen Modell ab, verzichtete auf Götterbilder und begründete einen vertraglichen Bund zwischen Gott und Volk. Als im babylonischen Exil der Salomonische Tempel zerstört wurde und der reale Kultraum verloren ging, vollzog sich eine fundamentale Innovation: Die Hierosphäre wurde in die **Heilige Schrift (Tora)** verlagert.
Der Begriff des **Glaubens** kompensierte von nun an den Verlust der sinnlichen Präsenz. Das religiöse Leben funktionierte fortan so, als ob die in der Schrift verankerte Offenbarung jede neue Generation dauerhaft in die Pflicht nähme.
3. Konkurrierende Wahrheitsansprüche und die Ringparabel
Mit dem Auftreten der drei monotheistischen Offenbarungsreligionen (Judentum, Christentum, Islam) entstand das Problem gegenseitiger Wahrheitsansprüche. Während das Judentum seine Gesetze primär auf das eigene Volk bezieht, verbinden Christentum und Islam ihren Wahrheitsanspruch mit einem universalen Geltungsanspruch.
Eine Lösung für dieses Konfliktpotenzial bietet die berühmte Ringparabel (unter anderem bekannt durch Lessing). Da niemand die absolute religiöse Wahrheit beweisen oder besitzen kann, fordert die Parabel dazu auf, so zu handeln, als ob der eigene Ring der echte wäre. Die religiöse Wahrheit erweist sich nicht im Dogma, sondern im praktischen Handeln durch Nächstenliebe, Sanftmut und wohltätige Werke.
4. Säkulare Moderne und das Böckenförde-Dilemma
Schon in der antiken Religionskritik galten Götter oft als nützliche Fiktionen kluger Gesetzgeber, um Ordnung und Moral zu sichern. In der Neuzeit drehte der Rechtsphilosoph Hugo Grotius dieses Prinzip um und forderte, dass Recht und Moral so funktionieren müssen, „als ob es Gott nicht gäbe“ (etsi deus non daretur).
Dies führt im modernen Verfassungsstaat zum Böckenförde-Dilemma: Der freiheitliche, säkularisierte Staat lebt von moralischen Voraussetzungen, die er selbst nicht mit Rechtszwang garantieren kann. An die Stelle der einstigen Gottesfurcht muss daher ein ziviler **Gemeinsinn** treten – gelebt so, als ob er verbindlich religiös begründet wäre.
Fazit
Jan Assmann verdeutlicht, dass das „Als ob“ keine bloße Täuschung ist, sondern eine lebenserhaltende Kulturtechnik, die Sinn stiftet und das friedliche Zusammenleben in einer säkularen und pluralistischen Welt überhaupt erst ermöglicht.
Quelle: https://www.youtube.com/watch?v=81xq-rERIGw&t=2266s