Es gibt Bücher, deren Ort irgendwo zwischen Schreibtisch und Betstuhl liegt. Einführungen ins Bibelhebräische gehören dazu, Wörterbücher zum Neuen Testament, zweisprachige Gebetbücher, interlineare Übersetzungen und jene Reader’s Editions, die seltene Wörter gleich auf der Seite erklären. Sie ermöglichen einen Zugang zu religiösen Texten, bei dem das sprachliche Verstehen selbst Bedeutung gewinnt. Wer solche Bücher benutzt, möchte vielleicht einen Psalm im Original lesen, einen lateinischen Hymnus verstehen oder den Worten eines Gebets genauer nachgehen.
Für diesen Zusammenhang von Sprachlernen, Textlektüre und religiöser Praxis bietet sich die Bezeichnung Devotionsphilologie an.
Der Begriff soll zunächst etwas sichtbar machen, das zwischen vertrauten Kategorien liegt. Sprachunterricht beschreibt nur einen Teil davon, religiöse Praxis einen anderen. Auch die wissenschaftliche Beschäftigung mit heiligen Texten erfasst die Sache nur teilweise. Gemeint ist eine Form des Umgangs mit Texten, in der sprachliche Aufmerksamkeit und religiöse Hinwendung ineinandergreifen.
Eine philologische Lebensform
Das Wort „Philologie“ lässt heute an eine wissenschaftliche Disziplin denken. Es kann aber auch eine Haltung bezeichnen: die geduldige Bindung an Texte, die Aufmerksamkeit für ihren Wortlaut und die Bereitschaft, das eigene Verständnis immer wieder an ihnen zu prüfen. In diesem Sinn gehört zur Philologie eine Lebensform. Man lebt mit bestimmten Büchern, kehrt zu ihnen zurück, lernt ihre Sprache und lässt sich durch die fortgesetzte Lektüre bilden.
Die Devotionsphilologie gibt dieser Bindung eine religiöse Richtung. Die Mühe um eine Verbform, eine Satzkonstruktion oder ein schwer übersetzbares Wort kann zur geistlichen Übung werden. Das Wörterbuch neben dem Gebetbuch ist dann Ausdruck einer bestimmten Weise, mit der Überlieferung zu leben.
Dazu braucht es keine vollständige Sprachbeherrschung. Jemand kann über Jahre hinweg nur einen kleinen Bestand von Psalmen, Gebeten oder liturgischen Texten erschließen und dabei eine beträchtliche Vertrautheit gewinnen. Entscheidend ist die eingeübte Aufmerksamkeit. Auch begrenzte Kenntnisse können eine tiefe Beziehung zu einem Text ermöglichen.
Wiederlesen und Weiterlernen
Diese Praxis besitzt eine eigentümliche Zeitlichkeit. Der Text bleibt, während der Leser sich verändert. Derselbe Psalm wird in anderen Lebenssituationen gelesen; dieselbe Formulierung gewinnt durch wachsende Sprachkenntnisse eine neue Kontur. Wiederholung und Fortschritt fallen zusammen.
Das hat Folgen für das Lernen. Eine Präposition kann länger beschäftigen als eine ganze Lektion im Lehrbuch. Was im Sprachkurs als stockendes Vorankommen erscheinen mag, kann hier gerade den Sinn der Beschäftigung ausmachen. Man verweilt, weil etwas am Wortlaut wichtig geworden ist.
Devotionsphilologie kann dabei durchaus unbequem sein. Wer genauer liest, begegnet Mehrdeutigkeiten, sprachlichen Härten und Unterschieden zwischen dem Text und seiner vertrauten Auslegung. Die Grammatik zeigt sich gegenüber religiösen Erwartungen gelegentlich erstaunlich unbeeindruckt. Die Bereitschaft, sich solchen Erfahrungen auszusetzen, gehört zum philologischen Anspruch dieser Praxis.
Elemente des Klassischen
Eine Verwandtschaft besteht zur Idee der Great Books: Bestimmte Bücher verdienen eine fortgesetzte Lektüre, weil die Beschäftigung mit ihnen das eigene Denken und Leben bilden kann. Sie werden zu dauerhaften Gesprächspartnern.
Hier tritt ein Element des Klassischen hervor. Ein klassischer Text bleibt über wechselnde Situationen hinweg auslegungsfähig. Seine Formulierungen verdichten Erfahrungen und Deutungen; wachsende Vertrautheit erschöpft ihn nicht. Man lernt an ihm auch, Fragen zu stellen und Unterschiede wahrzunehmen.
Religiöse Autorität und Klassizität sind allerdings verschiedene Eigenschaften. Ein Text kann als heilig gelten und zugleich als Klassiker gelesen werden. Devotionsphilologie kann sich ebenso einem schlichten Gebet widmen, dessen persönliche Bedeutung keiner literarischen Rangordnung bedarf. Die Nähe zum Klassischen liegt vor allem in der Dauer der Beziehung und in der Erwartung, dass wiederholtes Lesen weiterhin etwas erschließt.
Eine Verwandtschaft mit juristischer Gelehrsamkeit
Von hier aus wird eine zunächst überraschende Nähe zu bestimmten Formen der Rechtswissenschaft verständlich. Besonders im Zivil- und Verfassungsrecht kann ein relativ beständiger Textbestand über Jahrzehnte zum geistigen Wohnort werden. Einzelne Wörter tragen eine reiche Kommentierungs- und Entscheidungsgeschichte. Neue Fälle führen zu erneuter Lektüre; scheinbar bekannte Vorschriften zeigen bislang unbeachtete Möglichkeiten.
Darin bildet sich ein verwandter Habitus: Genauigkeit im Kleinen, Vertrautheit mit Auslegungstraditionen und Verantwortung für das eigene Urteil. Beim Verfassungsrecht kann die Bindung an den Text zudem das persönliche und staatsbürgerliche Selbstverständnis berühren.
Rechtsgebiete, deren Arbeit stärker durch wechselnde technische Erkenntnisse und die Bewältigung konkreter Regelungsprobleme geprägt ist, begünstigen häufig andere Arbeitsweisen. Das ist eine Typisierung, keine Rangordnung. Entscheidend für die Nähe zur Devotionsphilologie sind die Elemente des Klassischen: Dauer, Wiederlesbarkeit, Auslegungstiefe und Bildungskraft.
Praxis und Forschungsfeld
Als Begriff bezeichnet Devotionsphilologie zunächst solche Lese- und Lebensformen. Zugleich eröffnet sie ein Forschungsfeld. Zu untersuchen wäre, wer aus religiösen Gründen Sprachen lernt, welche Hilfsmittel dabei verwendet werden und wie sich sprachliche Kenntnisse auf Gebet, Lektüre und religiöses Selbstverständnis auswirken.
Auch die Bücher selbst verdienen Aufmerksamkeit: Wie führen zweisprachige Ausgaben ihre Leser durch den Text? Welche Kenntnisse setzen Wörterbücher voraus? Wie viel Selbstständigkeit ermöglichen Interlinearübersetzungen und annotierte Leseausgaben? Welche Vorstellungen von religiöser Bildung prägen ihre Gestaltung? Ebenso gehören Lerngruppen, Unterricht und digitale Hilfsmittel in diesen Zusammenhang.
Man kann Devotionsphilologie praktizieren und sie erforschen. Die Forschung kann diese Formen religiöser Aufmerksamkeit beschreiben, ohne ihre Voraussetzungen selbst zu teilen.
Ob der Zugang konservativ oder liberal ist, bleibt dabei offen. Seine Bindung an die Überlieferung besitzt ein bewahrendes Moment. Das eigene Lesen eröffnet zugleich Spielräume gegenüber übernommenen Deutungen. Treue zur Überlieferung und Offenheit des Verstehens können sich in dieser Praxis verbinden.
Vielleicht beginnt sie mit einer unscheinbaren Frage: Was bedeutet eigentlich das Wort, das ich seit Jahren bete? Aus dem Nachschlagen kann eine Gewohnheit werden, aus der Gewohnheit eine Haltung und aus der Haltung eine Weise zu leben.